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26. Januar 2012

Der lange Weg von der UdSSR nach Lörrach

BZ-INTERVIEW mit dem Historiker Jan Arend über sein Buch, in dem er Lebenserfahrungen von eingewanderten Lörracher Juden dokumentiert.

  1. Historiker und Autor Jan Arend. Foto: privat

  2. Die im Buch befragte und heute in Weil lebende Anna Matskina (rechts), mit anderen Überlebenden an einem Denkmal für Opfer des Holocausts in Slavuta (Ukraine) im Jahr 2002. Foto: privat

  3. Die im Buch befragte Elena Tanezer im Jahr 1945 mit ihren Eltern während der Semesterferien in Charkov (ukrainische Sowjetrepublik). Foto: privat

  4. Jüdisches Leben (das Foto zeigt einen Gedenkgottesdienst in der Synagoge) gehört in Lörrach wieder zum Alltag. Viele Mitglieder der israelischen Kulturgemeinde kommen aus der früheren Sowjetunion. Foto: Sabine Ehrentreich

LÖRRACH. Viele Juden aus der ehemaligen Sowjetunion leben heute im Raum Lörrach, wo sie auch das Leben der israelitischen Gemeinde prägen. Wie war ihre Situation in der UdSSR? Was bedeutet es für sie, in Deutschland zu leben? Antworten will das jetzt erschienene Buch "Jüdische Lebensgeschichten aus der Sowjetunion. Erzählungen von Entfremdung und Rückbesinnung" von Jan Arend geben. Der junge Münchner Historiker analysiert darin die Erzählungen von sowjetischen Juden, die heute im Raum Lörrach leben. Claudia Gabler hat mit Jan Arend gesprochen.

BZ: Herr Arend, der Zweite Weltkrieg ist lange vorbei. Sowjetunion und DDR sind Geschichte, Juden in Deutschland können ihren Glauben leben. Warum ist Ihre Forschung heute von Relevanz?

Arend: Ich glaube nicht daran, dass Geschichte jemals "vorbei" ist. Wir tragen sie in Erinnerungen und Erzählungen in die Gegenwart. Und Erinnerungen und Erzählungen geben uns Orientierung und Identität. Wir Historiker beschäftigen uns heute mehr und mehr mit diesem Phänomen und nennen es "Erinnerungskultur". In meinem Buch geht es ebenso sehr um das Vergangene wie um die heutigen, für sowjetische Juden identitätsstiftenden Erinnerungen.

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BZ: Ihr Buch ist aus einem Projekt an der Universität Basel hervorgegangen. Welche Rolle hat die Lörracher Gemeinde für diese Forschungsarbeit gespielt?

Arend: 1991 wurde in Deutschland beschlossen, Jüdinnen und Juden aus den Ländern der ehemaligen Sowjetunion als "Kontingentflüchtlinge" aufzunehmen. Viele der Zugereisten wurden Mitglieder in jüdischen Gemeinden in Deutschland – in vielen stellen sie heute die Mehrheit, auch in Lörrach. Für uns war der Kontakt zur Lörracher jüdischen Gemeinde ein Glücksfall, da wir hier viele wertvolle Gespräche mit Zeitzeugen führen konnten.

Für uns war der Kontakt zur Lörracher jüdischen Gemeinde ein Glücksfall, da wir hier viele wertvolle Gespräche mit Zeitzeugen führen konnten.

Jan Arend

BZ: Die Forschung zur Geschichte der Juden in der Sowjetunion war lange Zeit überwiegend politikgeschichtlich orientiert. Doch es gab eine "stille Mehrheit", die ihr Judentum charakteristischerweise nicht politisierte. Sie haben gerade letztere Gruppe in den Blick genommen. Inwieweit sind die Lörracher Juden sowjetischer Herkunft und ihre Lebensgeschichte hier aufschlussreich?

Arend: Es gab seit den 1960er Jahren einen offenen politischen Widerstand von Juden gegen das sowjetische Regime. Uns interessierte aber in erster Linie das Alltagsleben jenseits der großen politischen Kämpfe: Was bedeutete es, als Jude in der Sowjetunion zu leben, im beruflichen Alltag, in der Schule und an der Universität? In welchen Situationen empfand man sich in erster Linie als Sowjetbürger, in welchen als Jude? Die Auskünfte der Lörracher Juden ermöglichten uns, etwas über diese Fragen zu erfahren – immer gebrochen durch die Subjektivität der Erinnerung.



BZ: Inwieweit spielt Antisemitismus in der Sowjetunion im Leben der befragten Emigranten, die zwischen 1922 und 1952 zur Welt kamen und seit der Nachwendezeit in der Nähe der Schweizer Grenze leben, eine Rolle?

Arend: Es gab in der Sowjetunion viele Spielarten der Judenfeindlichkeit. Unter Stalin und unter Breschnew gab es unverhohlen antisemitische Kampagnen – die Juden dienten hier als Sündenbock für allerlei Missstände im Sowjetstaat. In unseren Gesprächen mit Lörracher Juden erfuhren wir jedoch viel über subtilere Formen der Benachteiligung von Juden, etwa bei der Vergabe von Studienplätzen. Dies war kein von oben angeordneter Antisemitismus, sondern eine Diskriminierung, die im Alltag in zwischenmenschlichen Kontakten entstand. Es gab in Teilen der sowjetischen Bevölkerung judenfeindliche Neigungen, die in einem Klima der Rechtsunsicherheit recht ungehindert zum Ausdruck kommen konnten.



BZ: Sie selbst haben jüdische Wurzeln und arbeiten als Wissenschaftler am Lehrstuhl für Geschichte Ost- und Südosteuropas an der Universität München. Sie sind Jahrgang 1981. Welchen persönlichen Bezug haben Sie zum Thema?

Arend: Meine Eltern sind als Prager Juden 1968 aus der CSSR in die Schweiz emigriert, wo ich zur Welt kam und aufwuchs. Insofern spielten in meiner Familiengeschichte das Thema der Migration und des Jüdischseins in einer überwiegend nichtjüdischen Gesellschaft eine Rolle – Themen, die auch in meiner Forschung für das Buch wichtig waren. Ich glaube, dass wissenschaftliche Arbeit oft auf die eine oder andere Art mit der eigenen Biographie und mit der Familiengeschichte zusammenhängt.









Autor: gab