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20. Februar 2009

Der Weil-Witz als sichere Bank

Gelungener Zunftabend 2009 in der Schlossberghalle in Haagen / Zunftmeister lassen es krachen / Zwischen Kunst und Kalauer

  1. Eine Art Totentanz: Mephisto (Vogt) holt Banker Faust (Sterzel). Foto: Barbara Ruda

LÖRRACH. Neuer Ort, alte Akteure – neues Programm, alte Qualität. Der Zunftabend 2009, zum ersten und wahrscheinlich einzigen Mal in der Haagener Schlossberghalle hat alle Zutaten, die ein Abend voller guter närrischer Unterhaltung braucht. Dafür bekamen die Zunftmeister auch stehend Applaus vom bestens aufgelegten Premierenpublikum.

Weil am Rhein scheint einen wesentlichen Teil seiner Bedeutung daraus zu ziehen, dass es den Lörracher Zunftmeistern als Zielscheibe für spottgetränkte Pfeile dient. Wer Fasnacht in Lörrach erlebt, muss diesen Eindruck haben. Aber 27 000 Quadratmeter Rhein-Arcaden bieten diesmal auch eine nicht zu verfehlende Trefferfläche. Da muss es eine eigene Szene sein, damit sich die Zunftmeister ausgiebig an den oberzentralen Nachbarn frotzelnd, fabulierend und diese frech verkackeiernd reiben. Um den charaktistischen Stuhl entsteht ein Imagefilm. Daneben ist der Weiler OB auf der Suche nach einem Investor, der als arabischer Prinz Achmet Lachnet daher kommt. Verraten wir mal den 700 Zunftabendbesuchern, die das Vergnügen noch vor sich haben, die Pointe nicht. Nur so viel: Am Ende tauchen die Weiler triefend aus dem Kakao auf, durch den sie gezogen wurden.

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Es gibt ja Leute, die fragen, was würden die Lörracher Zunftmeister ohne die Weiler machen? Na ja, mit Pfeilen über den Tüllinger allein, lässt sich kein Zunftabend bestreiten. Also beackern die Narren das lokale Feld, finden Figuren und Fakten (Dauerthema: Ich bin Autofahrer in der Innenstadt, wie find ich hier raus.), die sich zu glossieren lohnen (die Oberbürgermeisterin gibt offenbar wenig her), sie werden rund um den Globus fündig und natürlich in der Schweiz.

Der Ottmar hat bessere Kicker verdient
Den Eidgenossen gönnen sie den Lörracher Meistertrainer Ottmar Hitzfeld nicht, der hat Besseres verdient. An der Bankenkrise kommen auch die Zunftmeister nicht vorbei. Dafür entdecken sie mal wieder das literarisch-kabarettistische Kammerspiel. Eine feine Szene, in der Mephisto den sich sträubenden Banker Faust schließlich doch holt. In Memoriam: Diese literarische Vorlage führte zuletzt 1988 auf der Zunftabendbühne Mephisto (Günter Bernhard) und OB Offergeld (Pit Mehlin) zusammen.

Ja, sie lassen’s krachen, die Zunftmeister: närrisch, indem sie ihr Feuerwerk aus spitzen Pointen, Wortwitz und Klamauk abfeuern, auch mal derb hinlangen und auf schlüpfrigem Witze-Boden leicht ins Rutschen kommen; sie lassen’s real krachen, indem aus der Bammert-Flinte ein Schuss losgeht und einen Gleitschirmflieger vom Himmel holt. Als komisch-klamaukige Narrenschule gestaltet sich die "Ibürgerig" zum Lörracher. Weiß jeder Einheimische, mit wem Feldbergs Töchterlein verheiratet ist? Den Ötti (Regierungschef in Stuttgart) holen die Narren zum Wahlkampfauftritt und lassen ihn zielsicher in die hingestellten Fettnäpfchen treten.

Die Röttler Burg wird zur mittelalterlichen Baustelle, auf der italienisches Personal ("Attenzione, komme Stei!") dem Markgraf Wolfgang (Krämer) auch die Alte Halle sanieren soll und argwöhnt, dass der "Stimmen"-Bürgel auch schon die Hände danach ausstreckt. Den großartigen, sich und andere nicht schonenden Märtwiibern (Gempp, Ciprian-Beha) folgt die tolle Gesangszene zum Schluss, diesmal als Abba-Revival.

Das alles erleben die Zuschauer im Lörracher Stil: in famosen Spielszenen, in denen die Zunftmeister durchgestylte Figuren (Masken/Frisuren: Heike Geitlinger) darstellen, in schönen Kulissen (Dieter Roth) und mit passenden Requisiten (Hans-Werner Schuldt) agieren. Das macht auch denen auf der Bühne sichtlich Spaß: Hans Gempp, Axel Leuger, Karl-Heinz Sterzel, Stephan Vogt sowie den Zunftgesellen Klaus Ciprian-Beha und Andreas Glattacker, dazu mit kleinen Auftritten Ralf Buser und H.-W. Schuldt

Schnell bringen sie nach dem bunten Eröffnungsbild mit Zunft, Gildenvorstand und Cliquenvertreten, in dem Protektor Erich Fischer dem Auditorium ein fröhliches "Grüezi mitenand" zuruft und einen beifallsträchtigen Abend verspricht, mit der musicalhaften Auftaktszene im Rebberg eine anhaltend gute Stimmung in den Saal, an der auch die Musiker der "Nightshadows" mit ihrem Leiter Rolf Hauser einen gewichtigen Anteil haben.

Am Ende blickt Oberzunftmeister Karl-heinz Sterzel schon voraus: Nächstes Jahr wieder in der Alten Halle.

Eine Fotogalerie zum Zunftabend gibt’s unter http://www.badische-zeitung.de

Autor: Nikolaus Trenz