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24. September 2014

Die Menschen hinter den Zahlen

Ausstellung im Alten Wasserwerk über das Schicksal der Bootsflüchtlinge, die versuchen über das Mittelmeer nach Europa zu kommen.

  1. Bootsflüchtlinge: In überfüllten Booten versuchen sie über das Mittelmeer nach Europa zu gelangen. Tausende sind sind dabei ums Leben gekommen. Den Bootsflüchtlingen ist eine Ausstellung im Alten Wasserwerk gewidmet. dpa Foto: dpa

  2. Der elsässische Liedermacher Robert-Frank Jacobi spielte zur Ausstellungseröffnung. Susanne Knickmeier, die die Ausstellung mitkonzipiert hatte, führte in die Thematik der Bootsflüchtlinge ein. Foto: Thomas l. Mink

  3. Foto: Thomas Loisl Mink

LÖRRACH. Mindestens 800 Menschen sind allein in diesem Jahr bereits beim Versuch ums Leben gekommen, mit kleinen, nicht hochseetauglichen Booten aus Afrika oder den Nahen Osten in die Europäische Union zu gelangen. Am Freitagabend wurde im Alten Wasserwerk eine Ausstellung eröffnet, die das Schicksal der Bootsflüchtlinge beleuchtet und über ihre oft grauenvolle Situation berichtet.

Die Amnesty-International-Gruppe Lörrach hat die Ausstellung zusammen mit Unicef und dem Arbeitskreis Miteinander nach Lörrach geholt, wo sie bis zum 2. Oktober in den Räumen des SAK zu sehen ist (wir berichteten). Sie erinnert an die Flüchtlingstragödien der jüngsten Zeit und verdeutlicht die Forderung nach einer Asylpolitik in der EU im Einklang mit den Genfer Flüchtlingskonventionen und den Normen des Völkerrechts. Diesen Forderungen wurde auch bei der Eröffnung Nachdruck verliehen. "Allein am vergangenen Wochenende starben bei fünf Bootsunglücken 86 Menschen", berichtete Karl-Heinz Stanzick, der sogar von 1600 ertrunkenen Bootsflüchtlingen seit Jahresbeginn sprach.

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Flüchtlinge fanden ihren Platz in der Gesellschaft

Diese Tragödien werden jedoch nichts daran ändern, dass weiterhin Menschen Freiheit sowie körperliche und geistige Unversehrtheit mittels einer Flucht über das Meer suchen. Schließlich sind die Landwege in die EU sehr stark abgeschottet, teilweise mit unüberwindbaren Zäunen. Dennoch steigt die Zahl der Flüchtlinge, die nach Deutschland und auch nach Lörrach kommen. "Wir wollen, dass hinter den Zahlen die Menschen sichtbar bleiben und dass wir die Gründe verstehen, weshalb sie zu uns kommen", erklärte Karl-Heinz Stanzick den Sinn der Ausstellung. Flüchtlinge aus Osteuropa und der DDR, Gastarbeiter oder Spätaussiedler seien auch nicht immer willkommen gewesen, und doch hätten sie ihren Platz in der Gesellschaft gefunden. Diese Erfolgsgeschichte solle mit den Flüchtlingen von heute wiederholt werden, sagte er.

Susanne Knickmeier von AI Freiburg, die die Ausstellung mit erarbeitet hat, sagte, die EU sei eine "Festung, deren Zugbrücken hochgezogen sind". Freiheit, Sicherheit und Recht, was für uns selbstverständlich sei, werde Flüchtlingen, deren Leben oft bedroht ist, verwehrt. Sie berichtete von mehreren tragischen Einzelschicksalen, die teils auch in der Ausstellung verdeutlicht werden. So sterben unter anderem Menschen, weil sich etwa Italien und Malta um die Zuständigkeit für die Rettung streiten, berichtete Susanne Knickmeier.

"Die Zustände an den Außengrenzen der EU überschreiten jedes Maß an Erträglichkeit", sagte Vitus Lempfert vom Arbeitskreis Miteinander. Dass die Ursachen, weshalb Menschen aus ihren Heimatländern flüchten, auch sehr viel mit uns zu tun haben, werde auf den Ausstellungstafeln erläutert, sagte er. Lempfert forderte, dass die Genfer Flüchtlingskonvention eingehalten wird und dass die Aufnahmelager in Südeuropa menschlicher gestaltet werden. "Die Fluchtwege dürfen wir nicht den kriminellen Schleppern überlassen", betonte er. Der Arbeitskreis Miteinander und der neu gegründete Freundeskreis Asyl Lörrach kümmern sich um die Flüchtlinge, die hier ankommen, und bemühen sich, diese in die Gesellschaft zu integrieren. "Wir sind alle miteinander gefordert, diesen Menschen eine Willkommenskultur zu bieten", sagte auch Herwig Popken, langjähriger Leiter der Sammelunterkunft für Asylbewerber in Rheinfelden. In Anwesenheit des Bundestagsabgeordneten Armin Schuster und des Landtagsabgeordneten Josha Frey kritisierte Popken die von Bundestag und Bundesrat beschlossene erleichterte Abschiebung von Flüchtlingen nach Serbien, Mazedonien und Bosnien-Herzegowina, die vor allem Sinti und Roma betreffe. Bei der Ausstellungseröffnung kam auch ein 17-jähriger Flüchtling aus Gambia zu Wort, der seiner Hoffnung Ausdruck verlieh, dass die Menschen in Deutschland ohne auf Herkunft oder Hauptfarbe zu schauen hilfsbereit sind. Er hat seine Heimat vor vier Jahren verlassen, drei Jahre war er in Libyen, bevor er nach Europa kam. Während er noch zu einigen Freunden Kontakt über Facebook hat, hat er jeden Kontakt zu seiner Familie verloren. Er bat um Hilfe und Schutz, um ein neues Leben beginnen zu können, und sagte, er liebe die deutsche Sprache, die er unbedingt lernen möchte.

Informationen: Die Ausstellung ist bis zum 2. Oktober im Alten Wasserwerk des SAK, Tumringer Str. 269 in Lörrach zu sehen. Öffnungszeiten: Montag bis Donnerstag, 12 bis 14 Uhr, abends und an Wochenenden bei Veranstaltungen oder

nach Vereinbarung. Tel. 07621/ 927912. E-Mail: veranstaltungen@sak-loerrach.de

Autor: Thomas Loisl Mink