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21. März 2017

Die spitzen Stacheln stechen wie eh und eh

Das Berliner Kabarett-Ensemble "Die Distel" nimmt im Burghof Lörrach Politiker und Lifestyle auf die Schippe.

  1. Michael Nitzel in Action Foto: Mink

Wie kann man eigentlich noch Satire machen, die Politiker heutzutage sind doch schon so sehr Realsatire, dass man das gar nicht mehr toppen kann, meint der Pizza-Bote, der mit seiner Lieferung in den Burghof platzt. Natürlich ist der Bote Teil des Programms und natürlich schafft es das Berliner Kabarett-Ensemble "Die Distel" immer noch stachelig zu sein und die gesellschaftlichen Verhältnisse und die Ausfälle der Politiker treffend aufs Korn zu nehmen.

Die Distel ist das größte Kabarett-Ensemble Deutschlands mit fester Spielstätte beim Bahnhof Friedrichstraße in Berlin-Mitte, wo fortlaufend unterschiedliche Produktionen aufgeführt werden. Mit der Produktion "Einmal Deutschland für alle – Heimat to go" gastierte "Die Distel" vor fast 500 Besuchern im Lörracher Burghof. Und natürlich funktioniert Satire noch, auch wenn ein psychiatrischer Pflegefall sich ins Weiße Haus einweisen ließ und ein autistischer Nachwuchs-Diktator in der Türkei die Macht an sich reißt, wie die Schauspieler meinten.

Vor allem aber stand Deutschland im Mittelpunkt des Programms, und durch eine Panne die kamen Strippenzieher zum Vorschein, die die Marionette Merkel bedienen. Sie haben alle Hände voll zu tun, deshalb haben sie Gestik und Mimik auf fünf Grundbewegungen reduziert, und während im Hintergrund ein Interessenskonsens hergestellt wird, setzt man der Kanzlerin ein bewusst ausdrucksloses Gesicht auf. Der Pizza-Bote gehörte zum roten Faden des Programms, das immer wieder in einem Imbiss-Lieferdienst spielt, wo es seit dem Brexit keine Fish & Chips mehr gibt, und wenn die Holländer bei ihrer Wahl Scheiße gebaut hätten, gäb’s auch keinen Käse mehr. An manchen Gags hat man auch schwerer zu schlucken: Afrikanische Speisen gibt’s nicht, denn die Afrikaner essen ja nichts.

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Das Flüchtlingsthema spielt eine Rolle im Programm, drei verängstigte Flüchtlinge im leckgeschlagenen Boot wissen nicht, ob sie jetzt in Griechenland oder in der Türkei landen, aber sie wollen doch nach Deutschland. Aber in Deutschland ist es kalt, nur in Sachsen wird es warm, wenn die Unterkünfte angezündet werden. Einer erklärt dem anderen, dass Sachsen auch zu Deutschland gehört, nur Bayern nicht, das gehört abwechselnd zu Russland und zu Ungarn. Ein biederes Paar will helfen und einen Flüchtling aufnehmen, aber nur einen Syrer, und nach und nach packen sie ihre ganzen rassistischen Ressentiments aus, bis sich herausstellt, dass der junge Mann aus Moabit kommt und als Mitarbeiter der Stadtverwaltung ein Vorgespräch führen wollte.

Die VW-Krisen mit den Bordellbesuchen in Brasilien und dem Abgasskandal lassen sich zusammenfassen mit: "im Puff und Auspuff", und wie man der Armutsfalle entgeht, weiß der Pizza-Bote: "Gründen Sie eine Bank, dann werden Sie gerettet, wenn Ihnen das Geld ausgeht."

Im Imbiss gibt es vegane Pizza und personalisiertes Essen, der Lieferservice sammelt mehr Daten als Google und Twitter, und wenn die reiche Dame in der Grunewald-Villa kein Trinkgeld gibt, hat sie ihren Lifestyle-Konsumverzicht wohl an den Boten outgesourct. Die Kollegin rät ihm, die die USA zu gehen: "Da soll für kleine, weiße Männer, die sich abgehängt fühlen, eine große Zeit anbrechen." Der Kollege wundert sich, dass beim Discounter ein Fischstäbchen acht Cent, 100 Gramm Hühnerfleisch 19 Cent, 100 Gramm Klopapier aber 20 Cent kosten. "Kann es sein, dass diese Lebensmittel schon vorher Scheiße waren?"

Mit viel Drive und treffendem Humor setzten Dagmar Jaeger, Michael Nitzel und Sebastian Wirnitzer, der trotz seines gebrochenen Knöchels spielte, ein kurzweiliges und kritisches Programm in Szene, das genauso viel Spaß machte wie es nachdenklich stimmte. Matthias Lauschus und Fred Symann spielten die Musik dazu, denn immer wieder sangen die Akteure Songs.

Autor: Thomas Loisl Mink