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08. September 2010

Ein Antrag auf Erteilung eines Antragsformulars

Der Lörracher Arzt Michael Borowsky hat ein Buch über seinen vorzeitigen Ausstieg geschrieben / Bürokratie und andere Hürden.

  1. Michael Borowsky Foto: Sabine Ehrentreich

LÖRRACH. Michael Borowsky, Jahrgang 1949, war 25 Jahre lang in Lörrach als Hausarzt tätig. 2008 gab er vorzeitig und freiwillig seine Kassenzulassung zurück, weil er seine Arbeitsbedingungen zunehmend als unerträglich empfand. Seine Erfahrungen mit dem deutschen Gesundheitssystem schildert er in dem Buch "Praxis geschlossen", das jetzt im Rotbuch-Verlag erschienen ist. Sabine Ehrentreich sprach mit dem Mediziner.

BZ: Was hat Sie motiviert, dieses Buch zu schreiben?

Borowsky: Die Tatsache, dass die Sicht auf das Gesundheitssystem aus der Perspektive eines Hausarztes aufschlussreicher ist als die Worthülsen von Politikern, die alles schön reden und bisher nicht den Mut hatten, am System etwas zu verändern. Ich will bekannt machen, was es bedeutet, in diesem Land als Hausarzt zu arbeiten, und warum es immer schwerer wird, unter den gegenwärtigen Bedingungen Nachfolger für die Praxen zu finden. Es geht mir darum, Schikanen und Fallstricke zu beschreiben, angefangen mit immer neuer Bürokratie, Bestimmungen und Regelungen, bis hin zu permanenten Regressandrohungen und schlechter Bezahlung. Auch will ich nicht mehr, dass Menschen, mit denen ich darüber spreche, Mühe haben, mir überhaupt zu glauben. Das Buch spricht nur das aus, was eigentlich die Aufgabe unserer Standesvertreter wäre, die sich aber lieber in vornehmer Zurückhaltung üben.

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BZ: Sie haben die Praxis in Lörrach 1983 übernommen. Was hat sich strukturell in den 25 Jahren ihrer Tätigkeit als Hausarzt verändert?
Borowsky: Bereits in der zweiten Hälfte der 80er Jahre verschlechterte sich die Situation durch spürbar zunehmende Bürokratie, es wurde an immer neuen Gebührenordnungen herumexperimentiert, Verschlüsselungssysteme für Diagnosen und Kochbuchmedizin nach Plan wurden eingeführt. Die Chipkarte löste den Krankenschein ab, die ungeliebte Praxisgebühr wurde ersonnen, schließlich wurden die Honorare kontinuierlich gekürzt, so dass sich das Realeinkommen der Ärzte seit Mitte der 90er Jahre quasi halbiert hat. Hinzu kommt, dass die Anzahl älterer Menschen gewachsen, gleichzeitig aber die Anspruchshaltung von Versicherten enorm gestiegen ist.
BZ: Das Gesundheitswesen kennt viele Akteure – Politiker und Kassen, Krankenhäuser, Pharmaindustrie und Apotheken, Ärzte, Kassenärztliche Vereinigungen, Patienten gehören dazu – wem gilt ihre Kritik in erster Linie?
Borowsky: Eindeutig den Politikern, die aus Angst, Wählerstimmen zu verlieren, immer mehr Geld ins System pumpen und damit nur verkrustete Strukturen verfestigen. Für Krankenkassen stehen gesunde Versicherte im Vordergrund und nicht – wie es sein sollte – zuallererst die Kranken. Teure werbeträchtige Wohltaten werden ausgeschüttet, um Versicherte bei der Stange zu halten, wohingegen an Rheuma oder Krebs Erkrankte oft um ihre teuren Medikamente betteln müssen. Die Pharmaindustrie findet in Deutschland ein Paradies vor, in dem sie die Preise für Medikamente willkürlich bestimmen kann und die Kosten-Nutzen-Bewertung neuer Präparate in den Händen hat, obwohl sie in die unabhängiger Institute gehört. Kassenärztliche Vereinigungen sind überflüssige Bürokratiemonster und gehören schlicht abgeschafft. Leider gibt es aber auch viele Versicherte, die bei der Regelung der gesetzlichen Krankenversicherung die Solidarität anmahnen, die sie selbst oft vermissen lassen. So haben etwa eine Million Versicherte die Zahlung der Zusatzprämie verweigert, auch gibt immer noch zu viele Versicherte, die das Gesundheitssystem als Anlaufstelle für Wellness- und Lifestyle-Aktivitäten auf Kosten der Allgemeinheit betrachten.
BZ: Damit man eine Vorstellung bekommt: Welchen Teil ihrer Arbeitskraft mussten Sie zuletzt für den Faktor Bürokratie aufwenden?
Borowsky: Mittlerweile ertrinkt gut 30 Prozent der Zeit in Bürokratie. Es handelt sich dabei schlicht um Zeit, die kranken Menschen gestohlen wird. Dabei besteht die Bürokratie-Hydra nicht etwa aus nutzbringenden administrativen Aufgaben, sondern es handelt sich häufig um unsinnige Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen. So muss der Hausarzt vor dem Beantragen einer Kur zunächst einen Antrag stellen auf Ausstellung eines Antragsformulars. Bezeichnenderweise vergießen genau diejenigen, die für diese Zustände verantwortlich sind, Krokodilstränen über lange Wartezeiten in den Praxen.
BZ: Was würden Sie einem jungen Menschen mit dem dringenden Wunsch, Medizin zu studieren, raten?
Borowsky: Es wäre sehr traurig, wenn motivierte und engagierte junge Leute den ärztlichen Beruf deshalb nicht ergreifen würden, weil sie sich aufgrund der schlechten Erfahrungen älterer Ärzte davor scheuen. Tatsächlich aber muss sich jeder Aspirant dahingehend prüfen, ob er bereit ist, für seine Niederlassung den Preis zu bezahlen, als de facto Angestellter von Kassen und KVen auf viele Annehmlichkeiten zu verzichten, die ein freier Beruf normalerweise bietet. Aber auch die abnehmende Attraktivität des Arztberufes ändert nichts daran, dass der Beruf immer noch erstrebenswert ist und sehr erfüllend sein kann.
BZ: Müssen die Bürgerinnen und Bürger, zumindest die Kassenversicherten ohne Vermögen, fürchten, künftig nicht mehr angemessen versorgt zu werden?
Borowsky: Sie meinen natürlich die Patienten, denn Bürgerinnen und Bürger sind ja zunächst nicht krank und brauchen deshalb auch nicht versorgt zu werden. Die Krankenversicherung soll für die Kranken da sein, und nur in kleinen Bereichen wie Früherkennung oder Impfungen auch für gesunde Bürger. Wenn sich die Regierung wie versprochen im Herbst durchringt, das System von Grund auf zu erneuern, dann sehe ich für Patienten, also für Kranke, keinen Anlass zur Sorge. Wird aber ausschließlich auf der Einnahmeseite herumgebastelt, nicht gespart und etwa gesunden Versicherten weiter unnötiger Firlefanz wie Kräuterspaziergänge, Discobesuche ohne Alkohol oder Urlaubsreisen nach Abano mitfinanziert, dann sind die Leistungen für wirklich Kranke dauerhaft nicht mehr haltbar, denn es ist ganz logisch, dass alles an Mitteln, was für Gesunde ausgegeben wird, den Kranken gleichzeitig weggenommen wird.
BZ: Angesichts einer immer älter werdenden Bevölkerung und des medizinischen Fortschritts wird es immer schwerer, die Kosten in einem erträglichen Rahmen zu halten. Wo würden Sie den Hebel ansetzen?
Borowsky: Radikale Senkung der Anzahl der Krankenkassen auf einige wenige, denn wir können uns fast 170 Kassen mit ihren Wasserköpfen und teuren Vorständen nicht mehr leisten. Beendigung des Schlaraffenlandes für die Pharmaindustrie, Befreiung des Leistungskatalogs von Leistungen, die etwa als Folge von Risikosportarten entstanden sind und, was mir besonders wichtig erscheint, eine Neudefinition des Begriffes "Patient" und des so oft strapazierten Wortes vom "medizinisch Notwendigen". Schluss mit der Übertherapierung von Bagatellen, wie etwa monatelange Massagebehandlungen nach kurzem Hexenschuss. Das alles mag für die Betroffenen einschneidend erscheinen, ist aber ohne Alternative.

Autor: seh