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28. Juni 2011
Ein Karussell im Kopf, das sich dreht und dreht
Science et Cité: Podiumsdiskussion zum Thema AD(H)S.
LÖRRACH. Aufmerksamkeitsdefizitstörung – das Wort ist ein Monster. Eine Podiumsdiskussion der Reihe "Science et Cité", veranstaltet von der VHS und dem Innocel im Rahmen der Messe "Gesunde Zeiten", befasste sich mit ADS, das oft gekoppelt ist mit Hyperaktivität (ADHS). So weit, so nüchtern. Was die Erkrankung aber bedeutet für Kinder, Jugendliche und ihre Familien, aber auch für viele Erwachsene, die an dem Syndrom leiden, wurde bei der Diskussion eindrücklich deutlich. Der Druck war zu spüren. Dank klarer, auf den Punkt formulierter Statements, einer straffen Moderation durch Matthias Zeller und sehr sachorientierter Fragen aus dem gut informierten Publikum hatte die Podiumsdiskussion ein hohes Niveau.
Clemens Keutler, Chef der Kinder- und Jugendpsychiatrie am St.Elisabethen-Krankenhaus, und der Weiler Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie Peter Ringel steuerten den medizinisch-therapeutischen Part bei. Friederike Jaenneke berichtete von ihren Erfahrungen als Beratungslehrerin am Hebel-Gymnasium, und Nicole Stadler bereicherte die Runde um die persönliche Sicht: sie hat ADHS und gehört in Bad Säckingen einer Selbsthilfegruppe an. Erst im Erwachsenenalter wurde die Krankheit diagnostiziert. Sie beschrieb, wie sie sich anfühlt: "Wie getrieben oder wie gelähmt" sei sie oft, litte unter dem "Kopfkarussell", das nicht abzuschalten ist, Folgeerkrankungen wie Depressionen stellten sich ein. Geholfen habe ihr unter anderem die Auseinandersetzung mit der Familiengeschichte.
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Im Zentrum der Diskussion stehen im allgemeinen Kinder und Jugendliche. Sie können sich nicht focussieren auf Dinge, die sie nicht interessieren, sind unzuverlässig und haben oft auch Probleme mit Gleichaltrigen bis hin zum Mobbing – was den Leidensdruck erhöht. Viele Eltern waren zum Podium gekommen, die die ganze Palette der Probleme kennen. AD(H)S wurde schon vor mehr als 100 Jahren beschrieben, erklärte Clemens Keutler, sei weltweit ähnlich verbreitet und noch unheilbar. Bis heute sei, so der Mediziner, "die Akzeptanz als Störung mit Krankheitswert nicht wirklich gelungen", was es für die Betroffenen noch schwerer mache. Die Erkrankung sei angeboren und weise einen starkem Erbanteil auf. Freilich verstärke eine immer reizintensivere Umgebung heute die Intensität der Beeinträchtigungen gerade auch bei Kindern. Das "Ertrinken in einer Informationsflut" erschwere die Konzentration zusätzlich. Nicht nur Keutler betonte freilich, dass Betroffene auch ausgeprägte Qualitäten und Begabungen mitbringen und oft, wenn sie die Schule überstanden hätten, sehr erfolgreich seien. Die Erkenntnis, "wie diese Kinder ticken", habe ihr enorm weitergeholfen, sagte Friederike Jaenneke. Die Diskussion ließ aber auch erkennen, dass noch nicht jede Schule und jede(r) Unterrichtende angemessen reagieren.
Natürlich ging es auch um das viel diskutierte Medikament Ritalin. Das sei nicht immer nötig, nicht ohne Nebenwirkungen und nicht immer wirksam, aber vielfach helfe es doch, Strategien für die Alltagsbewältigung zu entwickeln, erklärte etwa Peter Ringel. Medikamente seien oft "unverzichtbar, damit ein Kind aus seiner Entwicklung nicht rausfliegt", erklärte Keutler. Für Erwachsene ist Ritalin erst ab dem 1.Juli überhaupt zugelassen. Die Gabe von Medikamenten müsse von einer Verhaltenstherapie begleitet sein, war man sich einig. Ein großes Thema war da die Unterversorgung mit Kinder- und Jugendpsychotherapeuten im Landkreis. Die Lörracher Klinik ist überlastet, die Wartezeit lang. "Man ist sehr hilflos", kommentierte eine Mutter.
Autor: seh
