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16. August 2016

Eine geistvolle Zeitreise

Basler Madrigalisten unter Raphael Immoos und Johannes Lang (Orgel) in der Christuskirche Lörrach.

  1. Die Basler Madrigalisten widmeten sich geistvoller Musik aus mehreren Jahrhunderten. Foto: Roswitha Frey

Geistvoll im wahren Sinn war die Musik für Stimmen und Orgel, die am Sonntag in der Christuskirche Lörrach erklang. Die Basler Madrigalisten unter Leitung von Raphael Immoos, unterstützt von dem scheidenden Stadtkantor Johannes Lang an der Orgel, widmeten sich Vokalmusik aus einer Zeitspanne von mehr als 1000 Jahren. Viele der spirituellen Gesänge sind vom Pfingstgedanken inspiriert, daher der Titel "Geist erfüllt".

Das professionelle Schweizer Vokalensemble deklarierte diesen Auftritt als Workshop-Konzert, denn die Sängerinnen und Sänger befinden sich mitten in der Vorbereitungsphase für die Appenzeller Bachtage. So kamen die Zuhörer in Lörrach in den Genuss einer Zeitreise durch die Vokalmusik von der Gregorianik bis ins 20. Jahrhundert. Ein sehr spezielles Programm, das mit einer Pfingstsequenz des St. Galler Mönchs Notker Balbulus "Sancti spiritus assit nobis gratia" aus dem Mittelalter eröffnet wurde: klar, schlicht, kontemplativ in den Stimmen. Dieser Pfingstsequenz schloss sich eine Vertonung von Heinrich Isaac an, der 1507 einen Teil dieses Pfingsttextes vertont hat. Wunderbar transparent in der Durchzeichnung der Stimmen, lupenrein in der Intonation und sehr plastisch durchhörbar in der Wortausdeutung brachten die Madrigalisten den Zuhörern diese kunstvolle frühe Vokalpolyphonie nahe. Wobei sich durch die Positionierung im Kirchenraum und auf der Empore besondere Raumklangwirkungen ergaben. Eine ganz andere Klangwelt eröffnete sich in dem geistlichen Werk "Spiritus mundum adunans" des tschechischen Komponisten Petr Eben für Chor und Orgel von 1994 auf den alten Text von Notker. Eindringlich und farbenreich im Vokalklang, in Melos und Wortdeklamation und ebenso farbig-expressiv im Orgelspiel klang diese Pfingst-Komposition des Klangfarbenmalers Eben.

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Ihre herausragende Vokalkunst entfalteten die Madrigalisten auch in der Motette "Der Geist hilft unser Schwachheit auf" für zwei Chöre von Johann Sebastian Bach. Bewegt und dynamisch, dabei stets kristallklar ausgehorcht, sangen sie diese Bach-Motette. Beeindruckend und erhebend im Klang war auch die Interpretation von Bachs "Komm Schöpfer, Heiliger Geist" aus den Leipziger Chorälen.

Doch nicht nur in den Bachschen Choral-Werken imponierte der so erfüllte wie klar durchleuchtete Gesang der Madrigalisten und das zupackend virtuose, gestalterisch meisterhafte Orgelspiel von Johannes Lang. Auch in ausgesuchter Vokal- und Orgelmusik zum Reger-Gedenkjahr hatten sie Exquisites zu bieten. Kraftvoll im Klang spielte Johannes Lang "Komm, o komm, du Geist des Lebens" aus den Choralvorspielen und die Madrigalisten sangen, um den Choral noch stärker ins Bewusstsein zu rücken, in schönem Fluss den Choraltext.

Ein Höhepunkt des Konzerts waren drei Chöre von Reger, "Trost", "Zur Nacht" und "Abendlied", eigentlich für Chor und Klavier geschrieben. Die Madrigalisten und Johannes Lang führten diese Chorschöpfungen erstmals in einer Fassung für Chor und Orgel auf. Regers komplexe Klangsprache und Harmonik kamen in dieser Fassung aufs Eindrücklichste zur Wirkung: Abgedunkelt in den Klangfarben, dynamisch höchst differenziert gesungen und gespielt, geheimnisvoll durchdrungen und schwebend in den Klangwirkungen, auch spätromantisch verklärt und lyrisch im "Abendlied" - ein Reger-Gesang von großer Empfindungstiefe. Spieltechnisch brillant, flüssig und stringent aufgebaut spielte Johannes Lang dann die Fuge aus Regers großer Fantasie über den Choral "Wie schön leuchtet der Morgenstern". Zur Zugabe kamen die Madrigalisten wieder von der Orgelempore herab in den Altarraum und verabschiedeten das Publikum mit Regers Nachtlied "Die Nacht ist kommen", hauchzart, leise und subtil gesungen in feinsten dynamischen Schattierungen, voller entrückter Poesie.

Autor: Roswitha Frey