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05. Mai 2010
"Es gibt niemanden sonst, der das so leistet"
BZ-INTERVIEW mit Bärbel Georgii, Vorsitzende des Hebammen-Kreisverbandes Lörrach, zu den aktuellen und strukturellen Problemen des Berufsstandes.
Auch im Kreis Lörrach sind Hebammen von den steigenden Kosten für ihren Berufsstand hart betroffen und rufen zum Protest auf. Sabine Ehrentreich sprach mit der Vorsitzenden des Hebammen-Kreisverbandes, Bärbel Georgii.
BZ: Der Internationale Hebammentag ist dieses Jahr Anlass für Protest, bundesweit und vor Ort. Was veranlasst Sie dazu?Georgii: Anlass ist die enorme Steigerung bei der Prämie für die Haftpflichtversicherung. Die Gebühren für unsere Leistungen sind zugleich nur mäßig gestiegen. Von den Kassen und politischer Seite gibt es kein Signal, dass das ausgeglichen werden könnte. Der Hebammenverband hat sich an die Politik gewandt, aber es hat sich nichts bewegt. Also müssen wir uns jetzt an die Öffentlichkeit wenden. Schließlich besteht die Gefahr, dass viele freie Hebammen nicht mehr von dem leben können, was sie verdienen.
BZ: Was macht es so teuer, wenn bei einer Geburt etwas passiert?
Georgii: Es gibt immer mehr Gutachter, die sich spezialisieren.Wir müssen unserer Arbeit ganz genau dokumentieren, um alle Schritte nachvollziehbar zu machen. Die betroffenen Kinder werden heute viel besser versorgt und gefördert. Das ist sehr gut. Aber die Kosten können nicht über die Haftpflicht wir Hebammen tragen.
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BZ: Was fordern Sie?
Georgii: Dass die Gebühren so angepasst werden, dass wir uns die hohen Prämien leisten können, oder von staatlicher Seite ein Ausgleich gezahlt wird. Gut wäre auch eine Staffelung der Versicherungsprämie nach der Zahl der Geburten, die die einzelne Hebamme betreut. Bisher zahlt eine Hebamme, die im Jahr zehn Geburten betreut, genau so viel Haftpflicht wie eine, die 100 Kinder zur Welt bringen hilft. Möglicherweise gibt es solche Überlegungen beim Versicherer. Wir haben Bögen bekommen, in denen danach gefragt wird, wer wie viele Geburten im Jahr betreut.
BZ: Wie ist die Stimmung unter den freien Hebammen im Landkreis?
Georgii: Am stärksten betroffen sind die, die nicht nur Vor- und Nachbetreuung machen, sondern Geburten begleiten – also die Mitarbeiterinnen des Lörracher Geburtshauses, die Beleghebammen in Rheinfelden und die, die bei Hausgeburten dabei sind. Sie zahlen die höchsten Prämien. Und wir sind alle sehr aufgebracht. Ich denke, es wird einen Einschnitt geben. Einige Kolleginnen werden die Entwicklung noch abwarten, aber dann als Freiberufliche aufhören.
BZ: Viele werden denken: Wozu freie Hebammen – die meisten Kinder werden ohnehin im Krankenhaus geboren. Was sagen Sie denen?
Georgii: Dass die Hebamme ja nicht nur bei der Geburt eine große Rolle spielt, sondern die Frauen und Familien auch vorher und nachher begleitet, zum Beispiel Hilfe bei Schwangerschaftsbeschwerden, Vorsorge, Kurse und Wochenbettbetreuung anbietet. Es gibt niemanden sonst, der das so leistet. Das Einfinden in die neue Familiensituation ist nicht leicht, das begleiten wir. In Frankreich gibt es das System nicht und fehlt oft bitter. Ohne freie Hebammen fällt die Wahlfreiheit weg, wo ich mein Kind zur Welt bringen möchte. Und kleine Kliniken mit Beleghebammen werden es schwerer haben.
BZ: Viel ist von der Situation der Ärzte die Rede, dem drohenden Ärztemangel auf dem Land, den Arbeitsbedingungen in den Kliniken. Von Hebammen und ihrer Situation hört man kaum einmal. Hat Ihr Beruf keine Lobby?
Georgii: Nein, das hat er nicht. Die angestellten Hebammen werden von der Gewerkschaft Verdi vertreten, die anderen nicht. Wir sind als eigener Beruf einfach zu wenige. Eine Rolle spielt vielleicht auch, dass die Hebamme mitunter fast wie eine Freundin wahrgenommen wird, das wird gar nicht damit in Verbindung gebracht, dass sie auch verdienen muss. Wenn ich Nachsorge mache, werde ich manchmal gefragt: "Arbeiten Sie heute nicht?" Als Arbeit wird nur wahrgenommen, was in der Klinik passiert. Viele von uns arbeiten mit großem Idealismus und da bleibt wenig Zeit für berufspolitisches Engagement.
BZ: Immer mehr Kinder kommen per Kaiserschnitt auf die Welt, nicht immer ist das medizinisch geboten. Offenbar hat sich das Verhältnis der werdenden Mütter zu natürlichen Prozessen radikal verändert. Was bedeutet das für Ihren Beruf?
Georgii: Das hat natürlich eine Bedeutung. Die Hebamme spielt bei einem Kaiserschnitt kaum eine Rolle, das ist Geburtsmedizin. In der Vorbereitung können wir die Frauen aber aufklären über das, was im einen wie anderen Fall auf sie zukommt. Frauen, die ambivalent sind, können wir vielleicht davon überzeugen, dass eine natürliche Geburt das beste ist, sofern medizinisch nichts dagegen spricht.
Autor: seh
