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03. Mai 2017

Flucht aus dem engen Frauenbild

Ausstellung über Migration deutschsprachiger Dienstmädchen.

  1. Tafeln mit Zitaten an der Ausstellung im Dreiländermuseum Foto: Sandra Raith

  2. Bei der Ausstellungseröffnung: der Lörracher Oberbürgermeister Jörg Lutz (von links), die Basler Staatsarchivarin Esther Baur, Ausstellungskuratorin Andrea Althaus, Projektleiter Christoph Stratenwerth und der Leiter des Dreiländermuseums, Markus Moehring Foto: Sandra Raith

LÖRRACH. Die Ausstellung "Mädchen geh in die Schweiz und mach dein Glück!" im Dreiländermuseum Lörrach ist Teil des umfassenden Ausstellungsprojekts "Magnet Basel. Migration im Dreiländereck", das an fünf Orten gleichzeitig stattfindet und ein reichhaltiges Rahmenprogramm bietet (die BZ berichtete). Auf Anregung des Staatsarchivs Basel entstand diese einmalige Schau, die, 100 Jahre nach Einrichtung der Eidgenössischen Zentralstelle für Fremdenpolizei, erstmals einen Einblick in die mehr als 500 000 Dossiers bietet, die bis 1970 angelegt wurden.

Jede Ausstellung beleuchtet einen anderen Schwerpunkt. Die am Freitagabend eröffnete Ausstellung im Dreiländermuseum betrachtet die Migrationsbewegung deutschsprachiger Dienstmädchen in die Schweiz. Von den Zwanziger bis in die Sechziger-Jahre reisten Deutsche und Österreicherinnen in die Schweiz, um als Hausangestellte zu arbeiten.

30 000 Frauen kamen jährlich
Jährlich kamen etwa 30 000 Frauen an, 1930 ist jede vierte Hausangestellte in Basel aus Deutschland oder Österreich. Teilweise entspringt diese Migrationswelle wirtschaftlicher Not, die in den zwei Weltkriegen entsteht. Aber viele Unterlagen zeigen, dass die Frauen mit Hoffnung auf Bildung kamen. Sie wollten den Beschränkungen in ihrer Heimat – in engen Dörfern, bei strengen Eltern und in einer diktatorischen Gesellschaft mit eng gefasstem Frauenbild – entfliehen.

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Ida Heß, Bauerntochter aus dem badischen Köndringen, berichtet: "Mein Vater war immer sehr streng, immer nur arbeiten und sparsam sein." Die damals 18-jährige Lisbeth Reichenbach aus Riehen sagte: "In Basel habe ich angefangen zu leben. Vorher habe ich immer nur gefolgt." Diese und unzählige weitere Zitate kann man in der Ausstellung nachlesen und bekommt so einen ganz privaten Einblick in die Lebenswelt der Migrantinnen.

In seiner Eröffnungsrede wies Oberbürgermeister Jörg Lutz auf den Zusammenhang zwischen der Ausstellung im Hebelsaal und der Tatsache hin, dass schon Hebels Mutter in der Schweiz arbeitete. "Dies freilich vor Einführung der Fremdenpolizei, wir haben also keine Aufzeichnungen darüber", scherzt Lutz. "Aber es zeigt den länderübergreifenden Austausch, den wir in unserer Region schon immer pflegen."

Das Ausstellungskonzept
Kuratorin Andrea Althaus, deren Dissertation die Migration in die Schweiz zum Thema hatte und deren Buch "Vom Glück in der Schweiz" am 1. Juni im Campus-Verlag erscheinen wird, erklärte die Konzeption der Ausstellung. Die Schau begleitet fünf "Schweizgängerinnen" entlang ihrer wichtigsten Lebensstationen. Zahlreiche autobiografische Berichte, Briefe und Fotografien eröffnen Einblicke in den Alltag deutscher Hausangestellter in der Schweiz. Auch die Reaktionen der Gastgeber werden in zeitgenössischen Publikationen und in Archivmaterial aufgegriffen. Sie zeigen, wie die deutschen Dienstmädchen aufgrund ihrer Herkunft, ihres Geschlechts und ihrer Berufstätigkeit zur Projektionsfläche schweizerischer Überfremdungsängste wurden.

Thema ist immer noch aktuell
Migration ist heute mehr denn je ein Thema, zu dem man eine Position finden muss. Die Ausstellungen der "Magnet Basel" bieten einen Zugang zum Thema, das im Dreiländereck immer aktuell war. Dabei stehen Menschen und ihre Biografien im Mittelpunkt und geben den sachlichen Überlegungen ein Gesicht. Die Frage, wer einreisen darf, wer erwünscht ist und wer nicht, und die Kunst, mit dem "Fremden" umzugehen, sind die zentralen Themen aller Gesellschaften im Dreiländereck und der meisten Industriegesellschaften des 21. Jahrhunderts. Dies und die liebevolle und detailreiche Aufbereitung der Akten machen die Ausstellung zu einem Gewinn für die Region. Prädikat: unbedingt sehenswert!

Termine: Führungen durch die Sonderausstellung am Sonntag, 28. Mai, 11.30 Uhr, und Sonntag, 1. Oktober, 11.30 Uhr. Alle fünf Ausstellungen zu "Magnet Basel" sind bis 1. Oktober zu sehen – im Dreiländermuseum Lörrach, im Kanton Basel-Landschaft Museum in Liestal und in Basel im Historischen Museum, im Staatsarchiv und im Theaterfoyer.

Weitere Infos gibt es unter http://mehr.bz/magnetbasel17

Autor: Sandra Raith