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26. Oktober 2012

Gestiefelt in die Tanzsaison

Mourad Merzoukis HipHop-Projekt "Correria & Agwa" gastierte im Lörracher Burghof.

  1. Dass der Choreograph nicht vom Ballett sondern vom Zirkus und Boxsport kommt, ist offensichtlich. Foto: Zvg

Turnschuhe an Tänzerfüßen kennt man inzwischen, Gummistiefel sind nur die nächste Steigerung. Mourad Merzoukis zwei Choreographien für und mit elf brasilianischen HipHoppern über deren "Correria", das wilde Rennen und Hetzen, und das im Anschluss fließend erfrischende Lebenselement Wasser – hier portugiesisch: "Agwa" – waren am Mittwoch ein allemal etwas anderer Einstieg in die neue Burghof-Tanzsaison. Zu den Spezialitäten des Franzosen und seiner 1996 gegründeten "Compagnie Käfig" gehört ausdrücklich das Vermischen konträrster Stilrichtungen. Breakdance gibt es da etwa zu Verdi-Opern, mitsteppende bestrumpft, beschuhte Holzbeine oder eben auch Gummistiefel zum Ballett.

Im ersten Bild jagen in der "Correria", der jüngsten Merzouki-Produktion, immer einige seiner B-Boys umeinander, dem Leben hinterher und vor ihm und sich selbst davon? Ein, zwei, drei derart atemlos umjagt Eingekreister, geben in ihrer Mitte die wilden Tänzer der Bahnhofsvorplätze. Da wird gekeucht, gehechelt und hörbar tief eingeatmet für den nächsten Sprung, den nächsten Stunt. Von "Martial Arts" und Kampf- und Actionkunst ist, wo es um Merzoukis Compagnie und deren Manieren geht, immer wieder die Rede. Selbst der Rhythmus wird hier und da noch zum Gegner ernannt. Aber die Tanzenden arbeiten sich langsam vor, schrauben sich gleichsam in Kunst und Bühne hinein. Dass der Choreograph nicht vom Ballett sondern vom Zirkus und Boxsport kommt, muss hier niemand extra erwähnen, blitzen doch Angriff und Verteidigung in immer neuen Variationen auf.

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Bis zum Endes des ersten Teils hat das rein Männlich-Martialische indes schon ein Stück zurückgesteckt. Nach der Pause beginnt mit dem 2008 uraufgeführten "Agwa" der versöhnlichere Teil. Es folgen bewegt, bewegende Bilder, mal sparsam, mal gleißend eingesetztes Licht, Farbe und sogar, wenn man so will, eine Erzählung. Das Bühnenbild besteht jetzt aus gleichmäßig aufgestellten Trinkbechern. Wenn sie später großenteils umgefallen und von einem seitlichen Hauch in leises Trudeln gebracht sein werden, wirft hier und da noch ein Plastikbecher ein Aufblitzen zurück in den Saal. Da wird es auch einmal poetisch schön. Die jetzt in farbige Shorts gekleideten Bühnenhelden lassen, wenn sie auch ihre Muskeln weiter spielen lassen, eine Bewegung aus der anderen erwachsen, sind die Wellen, die das Wasser bildet.

Nur Zirkus bleibt, was sie bieten, am Ende eben doch. Es ist auch nicht der berühmte Nouveau Cirque, der tief gräbt und philosophisch-poetisch hoch hinaus schwingen kann. Aus einem kleinen Detail schafft Merzouki am Ende aber noch ein großes Bild. Dass die unscheinbaren Becher gefüllt sind, wird für die Zuschauer erst nach und nach erkennbar. Die Boys arbeiten sich jetzt vom hinteren Bühnenrand Becher für Becher nach vorne, gießen des einen Inhalt in den nächsten bis alle ganz vorne stehen und der letzte Wasserstrahl aus stehender Höhe erfolgt, mit entsprechend verstärkt und jetzt wirklich männlichem Klang. Dass hätte platt werden können, wird es aber nicht. Hier kriegen die Jungs mehr als haarscharf die Kurve. Der schließlich nur noch schmal beleuchtete Bühnenstreifen, auf dem nicht mehr als Hände, Becher und Finger tanzen, wäre dazu ein leiser, kunstvoller Abschluss gewesen. Aber noch muss das Spiel weitergehen, schade. In stampfender Kosakenmusik löst sich schließlich alles auf. Die Jungs aus Rio hängen sich zwar nicht gegenseitig ein. Viel aber hat nicht gefehlt.

Autor: Annette Mahro