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21. April 2017 15:34 Uhr

Erhebliche Zweifel

Haariger Prozess: Bartwuchs-Gutachten soll Täterfrage klären

Hat ein Mann vor zwei Jahren neun Kilo schwere Absperrpfosten nach Türstehern geworfen? Oder steht ein Falscher vor dem Amtsgericht Lörrach? Ein Bartwuchs-Gutachten könnte das klären.

  1. Wie schnell wächst ein Bart nach der Rasur, fragt man sich im Lörracher Amtsgericht (Symbolbild). Foto: dpa

"Katastrophale Ermittlungen", Geschädigte, die nicht zur Polizei gehen, und ein Angeklagter, der seine Unschuld eventuell mit Hilfe eines Bartwuchs-Gutachtens beweisen kann – der Fall, mit dem sich das Jugendschöffengericht aktuell beschäftigt, mutet skurril an. Dabei begann er alles andere als lustig.

Es geht um den frühen Morgen des 21. Juni 2015. Am Eingang einer Diskothek sei es zu einem Tumult gekommen, nachdem ein Gast des Lokals verwiesen worden war, heißt es in der Anklageschrift der Staatsanwaltschaft. Nach verbalen Auseinandersetzungen habe ein junger Mann einen Gegenstand auf die Türsteher geworfen. Ein anderer versuchte, ihn zurückzuhalten, was ihm aber nicht gelang.

Nun habe der Täter einen neun Kilogramm schweren Absperrposten genommen und in Richtung der Türsteher geworfen. Anschließend habe er nochmals mit einem Pfosten in Richtung der Türsteher geworfen.

Wer verletzt wurde, ist nicht klar

Welcher Türsteher dabei wie verletzt wurde, habe sich nicht mehr klären lassen, so die Anklageschrift. Dennoch lautet die Anklage der Staatsanwaltschaft auf gefährliche Körperverletzung.

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Doch der 22-Jährige, der am Mittwoch auf der Anklagebank sitzt und selbst zu der Sache keine Angaben machen will, ist vielleicht gar nicht der gesuchte Täter. Sein Verteidiger ist sich absolut sicher, dass der Aggressor auf den Videoaufnahmen ein anderer ist.

Auch das Gericht hegt Zweifel. Grund dafür ist das gestochen scharfe Video des Vorfalls vom 21. Juni 2015 und im Vergleich dazu Bilder aus dem Facebook-Profil des Angeklagten vom 2. Juli 2015. Während der Täter auf den Videobildern bartlos ist, trägt der Angeklagte zehn Tage später einen dichten Bart. Auch wegen der Gesichtszüge hat das Gericht Zweifel.

Familie könne bestätigen, dass der Angeklagte Bartträger ist

Der Vorsitzende Richter Martin Graf ahnte vorab, dass nicht alle Zeugen des Vorfalls kommen würden. Dass von fünf geladenen Zeugen aber nur einer erscheint, habe er noch selten erlebt, sagt er. Sprechen möchte lediglich ein 34-jähriger Mann, der am fraglichen Abend Türsteher war und das nur als Nebenjob macht.

Er meint, den Angeklagten wiederzuerkennen, ist sich nach fast zwei Jahren aber auch nicht mehr hundertprozentig sicher. Er berichtet, dass damals keiner der Türsteher verletzt wurde. Deswegen könne ohnehin nur eine Verurteilung wegen versuchter gefährlicher Körperverletzung in Betracht kommen, stellt Richter Graf fest.

Geschädigte haben kein Interesse an Strafverfolgung

Zudem wurden keine Strafanträge von Seiten der Geschädigten gestellt, auch erschienen sie weder bei Polizei noch vor Gericht. Es bestehe offenbar kein Interesse an der Strafverfolgung.

Er habe erhebliche Zweifel, dass der 22-Jährige der Richtige sei, verkündet der Richter nach einer Verhandlungspause. Nach derzeitigem Stand käme es also zu keiner Verurteilung.

Die Staatsanwältin ist sich darin noch nicht so sicher. Sie möchte den Zeugen hören, der den Täter zurückgehalten hat und offenbar den 22-Jährigen als den Täter benannt hatte. Doch er erschien nicht vor Gericht. Auch der Polizeibeamte, der die Ermittlungen geführt hat, kann am Mittwoch nicht befragt werden – er ist beruflich verhindert.

Verteidiger fordert Bartwuchs-Gutachten

Verteidiger Jens Janssen ist sich indessen sicher, dass der Angeklagte der Falsche ist und meint auch, die Ermittlungen und die Identifizierung seien "sehr schräg" gelaufen. "Die Ermittlungen waren katastrophal", sagt Richter Graf und regt an, das Verfahren einzustellen. Doch der Verteidiger will einen Freispruch und die Staatsanwältin möchte die Sache genauer aufklären.

Notfalls werde er alle Familienmitglieder vorladen zum Beweis, dass der 22-Jährige schon immer einen Bart getragen habe, kündigt Verteidiger Janssen an. "Und vielleicht braucht man, und das meine ich ernst, noch ein Bartwuchs-Gutachten, um zu klären, ob es in zehn Tagen zu so einer Wucherung kommen kann", sagt er. Der Prozess wird in zwei Wochen fortgesetzt.

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Autor: Thomas Loisl Mink