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23. Februar 2012

"Jeden Tag ein Hoffen und Bangen"

Personalmangel bedroht die Qualität und den Ausbau der Kinderbetreuung / Alfred Escher: "Der Markt ist leergeräumt".

  1. Qualität ist in der Erziehung entscheidend – hier eine Gruppe im Lörracher St.-Bonifatius-Kindergarten, die eine gezielte Sprachförderung erhält. Foto: archivbild: Nikolaus Trenz

LÖRRACH. Der Fachkräftemangel wird langsam in einigen Berufsfeldern sehr konkret. Dazu gehört die Sparte Erziehung. Es ist viel schwerer geworden, Stellen zu besetzen, heißt es unisono bei der Stadt Lörrach und Trägern von Einrichtungen und -angeboten. Angesichts der Tatsache, dass der Ausbau der Kinderbetreuung weiter gehen soll und damit zusätzliche Kräfte gebraucht werden, sind die Träger alarmiert.

Zahlen gibt es nicht für die Stadt, wohl aber für den Landkreis: Da kamen 2007 auf eine freie Erzieherinnenstelle noch durchschnittlich drei Bewerbungen. Damit, heißt es bei der Agentur für Arbeit, kann eine Stelle adäquat besetzt werden. Schon 2008 kamen nur noch zwei Bewerbungen auf eine Stelle, und 2011 war es statistisch nur noch eine halbe Bewerbung. Heidi Neuschütz, die das Kinderland Baumgartnerstraße leitet, berichtet, sie habe vor zwei Jahren noch sage und schreibe 150 Bewerbungen auf eine Stelle gehabt. Jetzt komme gar nichts mehr. Zwar kriege sie ihre Stellen noch gerade so besetzt, zumal demnächst eine Kraft den Erziehungsurlaub beendet. Doch sie bangt um die Qualität, wenn keine Auswahl mehr möglich ist. Gerade bei den Kleinsten "braucht man die Besten".

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Nun sind in Lörrach noch nicht massenweise Stellen unbesetzt, aber die Situation spitzt sich zu – vor allem auch angesichts der Tatsache, dass noch mehr Gruppen entstehen sollen und müssen, um die gesetzlichen Vorgaben zu erfüllen und den Umbau zur Ganztagseinrichtung für alle Altersstufen voranzutreiben. "Man überlegt sich schon, ob man ausbauen soll, wenn man kein Personal kriegt", sagt Heidi Neuschütz – und so sehen das andere auch. Unter der Überschrift "Personalmangel bedroht auch in Lörrach Ausbau der Kinderbetreuung" rief die Stadt kürzlich dazu auf, sich zu melden, wenn Interesse etwa an der Betreuung der Nachmittagsangebote einschließlich Mittagessen besteht. Darauf gab es Resonanz, sagt Thomas Wipf, der den städtischen Fachbereich Jugend/Schulen/Sport leitet. Zwei Stellen an der Schlossbergschule, die zur Montessori-Ganztagsschule ausgebaut wird, und eine an der Fridolinschule können so jetzt besetzt werden. Das sei erfreulich, aber die Lage bleibe schwierig. Es sei "jeden Tag ein Hoffen und Bangen", sagt Wipf und fügt an, es werde ihm mulmig, wenn er an den wachsenden Bedarf denke.

"Bei den Kleinsten

braucht man die Besten"

Heidi Neuschütz, Kinderland
Die Arbeitszeiten seien undankbar, dazu bekäme eine angehende Erzieherin die ganze lange Ausbildungszeit über kein Geld. Das soll sich mit der dualen Ausbildung von Herbst an ändern.

Irmgard Mössner, die das Kinderhaus auf dem Bühl leitet, sieht dieser neuen Ausbildung mit gemischten Gefühlen entgegen. Die angehenden Erzieherinnen sind dann nur noch einen Teil der Woche in der Gruppe – damit leide die Kontinuität zusätzlich, die die Kinder so brauchen. Ohnehin sei die Fluktuation viel höher und die Bindung an den Beruf und die Einrichtung geringer geworden, zum Schaden der Kinder. Wie Heidi Neuschütz bangt Irm Mössner um die Qualität angesichts der Tatsache, dass immer weniger qualifizierte Bewerbungen eingingen und zugleich immer mehr von den Fachkräften verlangt werde. Eine Erweiterung stünde im Kinderhaus an – aber angesichts der Personalsituation wäre das "ein Wagnis". Überrascht sei sie freilich nicht: "Ich habe damit gerechnet, dass es kippt". Das sieht auch Thomas Wipf so: Den Ausbau forcieren, aber nicht ans Fachpersonal denken – das rächt sich. Diese Kritik richtet sich an die Politik.

Die Lage ist überall ähnlich: Im Oberlin-Kindergarten etwa ist das Team stabil, aber zum ersten Mal keine Anerkennungspraktikantin in Sicht; der Pestalozzi-Kindergarten der AWO tut sich schwer, sobald Krankheit oder Schwangerschaft Löcher ins Team reißen. Alfred Escher, der einen Überblick über die katholischen Kindergärten hat, erklärt: "Der Stellenmarkt ist leergeräumt". Man sei ständig auf der Suche. Erschwerend kommt die Grenzlage hinzu: Viele Fachkräfte wandern in die Schweiz ab, wo besser gezahlt wird und die Durchlässigkeit Richtung Primarschule größer ist, sagen Irm Mössner und Jürgen Rausch, Geschäftsführer beim Sozialen Arbeitskreis (SAK). Der SAK will zusammen mit der Mathilde-Planck-Schule aktiv werden und mit Veranstaltungen in die Diskussion einsteigen. Ein Thema sei auch: Wie kriegen wir Männer in die Ausbildung? Klar sei: Was jetzt ausgebildet werde, reiche "bei weitem nicht". Es gelte, das Berufsfeld attraktiver zu machen – auch um die Kräfte im Beruf zu halten. Das nämlich sei das Kernproblem, sagt Irmgard Mössner: Sie kommen schon. Aber sie bleiben nicht.

Wer Interesse hat, bei der Stadt oder einem Partner tätig zu werden, kann sich an den SAK, die Kaltenbachstiftung oder die Stadt (Ilona Oswald, Tel. 415 408/ i.oswald@loerrach.de) wenden. Auch das Kinderhaus auf dem Bühl (Tel. 570 3530) und andere Kindertagesstätten suchen Fachpersonal.

Autor: Sabine Ehrentreich und Max Schuler