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16. Februar 2010

Kriechspur zu "standing ovations"

Ratssuppe am Rosenmontag: MdL Ulrich Lusche ist "Drochehüüler 2010" / Protektor Hubert Bernnat begeistert mit Schnecken-Rede.

  1. Foto: Barbara Ruda

  2. Die Stadtratsingers (hier Erika Brogle und Bernhard Escher aus dem achtköpfigen, interfraktionellen Ensemble, linkes Bild) sorgten für einen starken Beginn der Ratssuppe. Ein Höhepunkt war die Verleihung des Drochehüüler-Ordens an MdL Ulrich Lusche (rechtes Bild, Mitte, mit Zunftmeister Stephan Vogl und Oberzunftmeister Karl-Heinz Sterzel). Foto: Barbara Ruda

  3. Die Stadtratsingers (hier Erika Brogle und Bernhard Escher aus dem achtköpfigen, interfraktionellen Ensemble, linkes Bild) sorgten für einen starken Beginn der Ratssuppe. Ein Höhepunkt war die Verleihung des Drochehüüler-Ordens an MdL Ulrich Lusche (rechtes Bild, Mitte, mit Zunftmeister Stephan Vogl und Oberzunftmeister Karl-Heinz Sterzel). Foto: Barbara Ruda

  4. Protektor Hubert Bernnat deckt die Widersprüche im Lörracher Narrenruf auf: oben die Version von vor 74 Jahren, unten die heutige, der bei „dr“ Schnägg der Apostroph fehlt. Foto: Barbara Ruda

  5. Foto: Barbara Ruda

LÖRRACH. Die Lörracher Zunftmeister dekorierten an der Ratssuppe am Rosenmontag den hiesigen Landtagsabgeordneten Ulrich Lusche (CDU) mit dem Drochehüüler-Orden. Dabei hielten sie ihm vor, dass er bei der Angleichung der Landtagswahlkreise zugestimmt hat, "Kandern und Tannenkirch" (so die Verleihungsurkunde) vom Wahlkreis Lörrach dem Wahlkreis Breisgau zuzuschlagen. Mit einer fulminanten geist- und pointenreichen Rede begeisterte Protektor Hubert Bernnat das Autitorium und erhielt spontan "standing ovations".

Mit ihrer silbernen Zitrone, das ungefähr ist der Drochehüüler-Orden, würdigten die Zunftmeister den Lörracher Juristen und Politiker, der noch mit sichtbar gemischten Gefühlen dieser Würdigung entgegensah, dann aber, als er das Mikrofon für sich hatte, die "Anklage" der Narren eloquent parierte. An der Wahlkreisanpassung führte kein Weg vorbei und die Abgabe von Weil am Rhein als Alternative ließ sich nicht durchsetzen. Die Weiler wollte keiner. So erwischte es "Kandern und Tannenkirch", den Wohnort des Lörracher Oberzunftmeisters, so dass der nun nach eigenen Worten Leute wählen muss, die er nicht kennt und die ihn nicht kennen. Dem aber könne man ja, so Lusche, auch gute Seiten abgewinnen. Viel Beifall bekam der "Drochehüüler", der sich keineswegs als solcher erwies, sondern als humorvoll und damit des Ordens würdig.

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Nach ihm hob Protektor Hubert Bernnat zu seiner Rede an, der längsten, die laut Oberzunftmeister Sterzel je ein Protektor gehalten hat, gleichwohl "ein großer Wurf". Der Lörracher Narrenruf "Friss’n wägg, dr Schnägg" war sein Thema, dem er sich kulinarisch, literarisch, biologisch, politisch und sonstwie annahm. Immerhin bescheinigte er den Lörrachern, einen Ruf mit einem gewissen Inhalt zu haben, im Gegensatz zu "Schopfe arruba" oder "Willeri Willero". Der Oberbürgermeisterin hielt er vor, dass die von ihr geförderte "Slowfood"-Bewegung die Weinbergschnecke als Symboltier hat und das Stadtoberhaupt gleichzeitig "Friss’n wägg, dr Schnägg" ruft. Und dann deckte er den einen aufrechten Deutschlehrer schmerzenden Verlust des Apostrophs in "dr Schnägg" auf, wo doch einst und ursprünglich "d’r Schneck" gestanden hat. Voller Witz und Pointen zog Bernnat die närrische Kriechspur, auf der der "Schnägge-König", wie er als Tüllinger Protektor schon tituliert wurde, nie ins Rutschen kam. Das begeistere Auditorium erhob sich spontan zu "standing ovations". Eine Seltenheit an der Ratssuppe.

Die Stadtratsingers (Erika Brogle, Pit Höfler, Hannelore Roßkopf, Hans-Dieter Böhringen, Bernhard Escher, der musikalische Leiter Thomas Denzer, Ulrich Lusche, Thomas Vogel) hatten den Vortragsreigen der Ratssuppe eröffnet und dabei mit Themen wie der Femininisierung des Rathauses über das Oberzentrum ("Der OB Dietz, der kann mit unserm Blühmchen nicht") bis zu einem neuen Lörracher Lied einen famosen Auftritt. Der ließ Karl-Heinz Sterzel sagen: "’s beschti Stadtrötschörli, wo ni je g’hört ha."

Überhaupt knüpften auch die Zunftmeister selbst (Ralf Buser, Axel Leuger, Stephan Vogt, Klaus Ciprian-Beha, Andreas Glattacker) in ihren Vorträgen an das Niveau des Zunftabends 2010 an. Auch da ist ihnen neben den acht Zunftabenden für die Ratssuppe nochmal viel Unterhaltsames eingefallen. Und Felix Drechsler, der gern gehörte Basler Ratssuppenredner, wies nach, dass das Schweizer Bankgeheimnis eine Gabe Gottes für sein eidgenössisches Bergvolk sei.

Oberbürgermeisterin Gudrun Heute-Bluhm ließ bei ihrem Auftritt den Schnecken-Vorwurf nicht auf sich sitzen. Gerade weil es die Fasnacht mit ihrem Friss’n wägg-Ruf gebe, sei sie auf die Idee gekommen, dass sich Lörrach um den Titel "Slow City" bemühen soll, der nicht nur Slow Food (das Gegenteil von Fast Food) beinhalte. Abgewandelter Schlussruf der OB nach Bernnats Vorgabe: "Schluck’s runter, das Schleimtier." Darauf war dann als kollektive Antwort nur Applaus möglich und das Ende der sehr gelungenen Ratssuppe 2010.

Eine Fotogalerie von der Lörracher Ratssuppe unter http://www.badische-zeitung.de/loerrach

Autor: Nikolaus Trenz