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13. Oktober 2017

Lachend ins Grübeln kommen

Bruno Jonas, eine bundesdeutsche Institution in Sachen Kabarett, im voll besetzten Burghof.

  1. Bruno Jonas in seinem Element: wortgewaltig und politisch ausschlagend nach allen Seiten. Foto: David-Wenk

Wer Mitglied der berühmten Lach- und Schießgesellschaft war, im "Scheibenwischer" steter Gast, wer eine eigene Fernsehshow hatte und als Bruder Barnabas den CSU-Granden am Nockherberg die Leviten las, der ist mehr als eine bayrische, den darf man als eine bundesdeutsche Institution betrachten. Und Institutionen haben es im Burghof bekanntlich leicht. Bruno Jonas hatte bei seinem Auftritt in Lörrach volle Ränge.

Kulissen brauchen Kabarettisten eher selten. Deshalb war das Arrangement mit den vielen Paketen, Päckchen und mittendrin der Sokrates-Büste eher ungewöhnlich. Zum griechischen Philosophen kam der Mann aus Niederbayern auch erst im zweiten Teil. Im ersten war er der freundliche Nachbar, der da ist, wenn die anderen keine Zeit haben, ihre Packerl selbst anzunehmen. So weit die Rahmenhandlung, die es brauchte, damit der Betreiber der Zustellagentur im Nebenberuf Zeit hatte, über alles nachzudenken und das Publikum an seiner Gedankenwelt teilhaben zu lassen.

Da fragt er gleich zu Beginn und stürzt so auf die Bühne: "Kann der Falsche etwas Richtiges sagen?" Wenn Horst Seehofer oder Alice Weidel etwas Richtiges sagen würden, wäre es dann richtig, obwohl es der oder die Falsche gesagt hat. Noch gibt er diesen eher philosophischen Gedanken dem Publikum auf, klopft die zwei Feindbilder als Eckpfeiler in sein Programm. Somit hat er sein Feld bestellt.

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Was folgt, ist altbundesdeutsches Kabarett: wortgewaltig und politisch ausschlagend nach allen Seiten, wobei es ihm die Grünen besonders angetan haben müssen. "Toni Hofreiter ist das politische Talent, dem es gelingen wird, die Grünen unter die Fünf-Prozent-Hürde zu drücken." Übrigens: kein Wort zur Schummelsoftware der Automobilindustrie, aber zum vorgeschlagenen Ende des Verbrennungsmotors. Er solle nicht so gscheid daherreden, sage ihm seine Frau, das Publikum würde dies nicht verstehen.

Aufklärende Wortkabarett ist trotz Comedy nicht tot

Eine hübsch verpackte Kritik am Zeitgeist, der anscheinend die einfachen Lösungen will und Komplexes eher ablehnt. Wenn nämlich die Frau daheim solches sagt, nähert sich Jonas dem 50er-Jahre-Idyll, das doch manche so sehr vermissen sollen heutzutage. Wenn er aber sagt, er habe ein intelligentes Publikum, dann ist diesem die Welt eben nicht zu komplex und, "gscheid" verprellt niemanden. Das aufklärende Wortkabarett ist also nicht tot, trotz Comedy und Weltenflucht.

Über den Online-Käufer lässt er sich aus – auch nicht wirklich neu. Es hat übrigens eine halbe Stunde gedauert bis Bruno Jonas, 64-jähriger studierter Germanist, Philosoph, Politologe und Theaterwissenschaftler, beim Thermomix gelandet ist. Er brauchte den ersten Teil, um sich warm zu spielen. Sein Geschichte mit der Rahmenhandlung war zu lang, um Impuls für seine Wortklaubereien zu sein, zu wenig ausgefeilt, um als Theater zu berühren. Er spielt sich gar in einen Rausch, bevor er in die Pause geht.

Und dann wird es deutlich besser nach der Pause. Die üblichen Themen sind abgehandelt. Und zu Alexander Gaulands Zitat über Jerome Boateng, angeblich top als Fußballspieler und Flop als Nachbar, kommt nun die Auflösung der Denkaufgabe des ersten Teils. Hätte Bruno Jonas diesen Satz gesagt, dann hätte er über die Zustände aufgeklärt; aus dem Mund eines AfD-Politikers zeugt er von Rassismus. Ja, Kabarett ist immer dann gut, wenn es überraschend ist, wenn der Konsument lachend ins Grübeln kommt. Überrascht hat Jonas mit seinen Qualitäten als Rockgitarrist, und wenn er ganz hinterfotzig die Ironie unter wutschnaubenden Tiraden versteckt.

Autor: Martina David-Wenk