Bluttat

Lörrach: Amokläuferin war Anwältin und Sportschützin – Sorgerechtsstreit mit Ex-Partner

Willi Adam, Alexandra Sillgitt, Oliver Huber, dpa, aktualisiert um 13.00 Uhr

Von Willi Adam, Alexandra Sillgitt, Oliver Huber, dpa & aktualisiert um 13.00 Uhr

Mo, 20. September 2010 um 01:26 Uhr

Lörrach

Bei dem Amoklauf mit vier Toten in Lörrach geht die Polizei mittlerweile von einer Beziehungstat aus. Eine 41 Jahre alte Rechtsanwältin erschoss ihren Ex-Partner und den fünfjährigen Sohn. Dann legte sie Feuer und tötete im St. Elisabethen-Krankenhaus einen Pfleger.

Die Frau ist nach BZ-Informationen eine Sportschützin gewesen sein und besaß legal mehrere Waffen. Dies würde auch erklären, wie sie an die Schusswaffe und die Munition gekommen ist, mit der sie die Bluttat begangen hat. Schon Sonntag war bekannt geworden, dass es sich um eine kleinkalibrigen Sportwaffe Kaliber 22 gehandelt hat. Im Krankenhaus wurden außerdem über 100 Patronen gefunden.

Die Täterin lag mit dem Vater des Kindes offenbar in einem Sorgerechtsstreit, er betreute Nachbarn zufolge den Sohn unter der Woche. Anzunehmen, dass er am Sonntag den Jungen gerade abholen wollte. Die 41-Jährige war als schwierige Person bekannt und machte einen ungepflegten Eindruck, wirkte trocken und verbittert.

Eine entfernte Bekannte berichtete BZ-Online, die Anwältin hätte das Sorgerecht für ihren Sohn verloren. Dies habe sie wohl nicht verkraftet. Auch hätte ihr Ex-Partner eine neue Beziehung. Außerdem sei ihr berufliches Umfeld schwierig gewesen. Sie sei unlängst von einer großen Kanzelei in ein eigenes Büro gewechselt. Diese offiziell noch nicht bestätigten Informationen können möglicherweise erste Hinweise auf die Motivlage der Frau geben.

Nach Aussage von Baden-Württembergs Innenminister Heribert Rech hat die Frau in einem Haus in der Markus-Pflüger-Straße in Lörrach ihren früheren Lebensgefährten sowie den fünf Jahre alten gemeinsamen Sohn getötet. Informationen zufolge erschoss die Anwältin ihren getrennt von ihr lebenden Mann. Wie der kleine Sohn genau zu Tode kam, ist noch unbekannt.

In den ersten Stunden nach der Tat war von einem toten Mädchen die Rede gewesen. Später habe es dann in der Wohnung eine heftige Explosion gegeben. Diese sei von der Frau durch Brandbeschleuniger ausgelöst worden.

Um 18 Uhr wurde die Feuerwehr alarmiert, die wenige Minuten später am Brandort eintraf. Dort hielten sie Schüsse zunächst von den Löscharbeiten ab. Später rettete die Wehr sechs andere Bewohner sowie ein Kind aus dem brennenden Haus. 15 Bewohner mussten mit Rauchgasvergiftungen in Krankenhäuser gebracht werden. Feuerwehrleute waren es auch, die die beiden Leichen in der ausgebrannten Wohnung entdeckten.
Erkenntnissen zufolge rannte die Frau nach dieser ersten Tat über die Straße zum benachbarten St. Elisabethenkrankenhaus. Dabei trug sie nicht nur eine Pistole bei sich, sondern auch ein Messer. Das teilte der leitende Staatsanwalt Dieter Inhofer am Montag im ZDF-Morgenmagazin mit. Bereits vor der Klinik fielen weitere Schüsse, bei denen zwei Menschen verletzt wurden: Ein Passant erlitt einen Rückensteckschuss, der andere wurde von einer Kugel am Kopf gestreift.

Anschließend rannte sie ins Krankenhaus und tötete einen 56 Jahre alten Krankenpfleger, der ihr zufällig über den Weg lief. Er hatte Stichverletzungen und Einschüsse im Kopf. Die Amokläuferin habe ihn ersten Ermittlungen zufolge nicht gezielt ausgewählt. "Wir gehen eher davon aus, dass es eine zufällige Begegnung war", teilte die Polizei mit. Die Analyse dauere noch an. Nach einem heftigen Schusswechsel im Flur der gynäkologischen Abteilung wurde die Frau von einer Streifenbesatzung gestellt. Schließlich wurde die Amokläuferin durch gezielte Schüsse der Polizei getötet . Bei dem Schusswechsel erlitt einer der Beamten einen Beinschuss. Alle drei Verletzten sind außer Lebensgefahr.

Weil die Identität sowohl der Opfer aus der völlig ausgebrannten Wohnung und die der mutmaßlichen Täterin noch nicht restlos geklärt ist, wollte die Staatsanwaltschaft in der Nacht keine näheren Angaben über Alter und Herkunft der Täterin machen.

Zielstrebig steuerte sie die Gynäkologie an

Mit großer Wahrscheinlichkeit handle es sich bei den Opfern um den Mann und das gemeinsame Kind. Offenbar war es die Wohnung des getöteten Ex-Partners. Wie es zur Explosion in der Wohnung kam, ist ebenfalls unklar. Sicher ist nur, dass ein Brandbeschleuniger eingesetzt wurde.

Warum die Täterin ins Krankenhaus stürmte und weshalb sie dort offenbar zielstrebig die Gynäkologie aufsuchte, kann die Staatsanwaltschaft noch nicht beantworten. Sicher sei nur, dass auf dem Flur heftig geschossen wurde.

Schüsse hindern Feuerwehr an Löscharbeiten

Was den Einsatz anbelangt waren 150 Polizisten aus dem ganzen Land, darunter Brandsachverständige und Experten für Spurensicherung, Ermittler und Gerichtsmediziner vor Ort und versuchten am Sonntagabend Klarheit über das Verbrechen und den anschließenden Amoklauf zu gewinnen.

Oberbürgermeisterin Gudrun Heute-Bluhm brachte in der Nacht auch die Trauer der Stadt zum Ausdruck. Lörrach sei fassungslos, sagte die Oberbürgermeisterin. Zum Glück hätten die Einsatzkräfte Schlimmeres verhindern können. Ähnlich äußerte sich auch der baden-württembergische Landespolizeipräsident Wolf Hammann: "Durch ihr beherztes Eingreifen haben die eingesetzten Beamten Schlimmeres verhindert." Von der Explosion bis zum letzten Schuss seien nicht einmal 40 Minuten vergangen.

Der schnelle Einsatz beim Amoklauf beruhte auf einem neuen Einsatzkonzept, das die Polizei nach dem Fall von Winnenden entwickelt hat. "Die Kollegen sind nach Winnenden entsprechend geschult worden, schnell und effizient einzugreifen", sagte Polizeisprecher Joachim Langanky. "Das Konzept ist voll aufgegangen." Das rasche Ende des Amoklaufes sei ein Ergebnis der neuen Maßnahmen.

Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Robert Zollitsch, äußerte sich tief erschüttert über den Amoklauf: "Wir beten für die Opfer. Wir sind in Gedanken und unseren Gebeten bei den Verstorbenen, den Verletzten, den trauernden Angehörigen und Freunden sowie den Einsatzkräften von Polizei und Rettungsdiensten", sagte der Freiburger Erzbischof.

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