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21. März 2017

Kabarett

Lörrach: Myrtil Haefs spielt im Nellie Nashorn

Chansonniere und Kabarettistin Myrtil Haefs glänzt mit Pianist Andreas Binder im Nellie Nashorn, obwohl der Lack schon ab ist.

  1. Alles andere als ein leeres Blatt Papier ist Myrtil Haefs aus Freiburg, sie sang und persiflierte im Nellie Nashorn. Foto: Martina David-Wen

LÖRRACH. Gilet und Jackett funkeln im Licht der Scheinwerfer im Nellie Nashorn, Myrtil Haefs glänzt schon bevor die Chansonniere und Kabarettistin überhaupt die Bühne betritt. Der Lack sei zwar ab, sagt sie, doch der Glanz bliebe. Bei Myrtil Haefs speist er sich aus einem langen erfolgreichen Leben, welches die Diseuse vor den Augen und Ohren der Zuhörerinnen und Zuhörer aufblätterte, wie das Fotoalbum am runden Geburtstag.

Lebensrückblicke haben gerne etwas von Seniorenprogramm. Ihre Geschichten von damals zeigen im Unterschied zu vielen nicht nur den Unterschied zu heute, sie zeigen ihren Weg auf, der sie zu dem gemacht hat, was sie heute ist. Die Grande Dame der Freiburger Szene, die lässig zwischen Hildegard Knef und Ladies night hin- und herpendelt. Mal intensiv leidend, dann wieder kabarettistisch pointiert, präsentiert sie ein Best of, eines reichen Lebens.

Hexenschuss beendet abrupt die Tanzeinlage

Das Credo der 67-Jährigen ist, wie kann es anders sein, man ist so jung, wie man sich fühlt. Oder wie sie sagt, wer jung im Herzen ist, kann auch im Alter viel erreichen. Ja, bis dann doch der Hexenschuss dazwischen kommt, womit die Tanzeinlage ihr plötzliches Ende findet. Sie kann es aber noch ganz gut, wie sie an anderer Stelle zeigt. Myrtil Haefs Lack mag zwar ab sein, ihr Glanz kommt von innen, dessen Strahlen reißt alles mit.

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Am intensivsten ihre Interpretation des Jacques Brel Titels "Ne me quitte pas" die Romanistin hat ihn übersetzt. Sie hat ihn in eine Geschichte umgewandelt, in der die Frau den Mann bittet, "geh’ nicht fort von mir". Weil sie nicht alleine sein will.

Die tragischen Geschichten kommen der gehaltvollen Stimme mit dem reifen Timbre entgegen, doch Myrtil Haefs kann auch swingen. Paolo Contes "It’s wonderful" intoniert das gefühlte Alter auf ganz wundervolle schwungvolle Art und Weise. Andreas Binder als Pianist ist da auch deine echte Hilfe. Er kann genauso emphatisch die getragenen Stücke intonieren, wie er voller jugendlicher Lebensfremde den Elan der Songs zum Glühen bringt.

Die Frau mit Stil und Format und der einfühlsame Klavierkünstler sind ein großartiges Musikerpaar, er arrangierte die Stücke auch und schrieb sie ihr auf Stimme und Ausstrahlung.

Die Sehnsucht hat die kleine Myrtil schon auf die Bühne getrieben. Die Mutter sei ihre große Förderin gewesen. Sie sei der Planet gewesen, um den sich alles in der Familie gedreht hätte, so ihre Hommage. Ganz anders, spitz und spöttelnd gerät ihr Ausflug ins Kabarett. Wenn sie die Schweizer Künstlerin mit Doppelnamen zur revolutionären Aquarellkunst greifen lässt. Das ins Wasser der Triberger Wasserfälle getauchte Blatt Papier, das im Zimmer baumelt, ist zur Installation gereift. Die Nachbarn im Süden sind immer wieder dankbare Satirezielscheiben. Nicht nur hier, wie es scheint auch im doch einiges von der Grenze entfernten Freiburg.

Myrtil Haefs erreicht mit ihrem reifen musikalischen Rundumprogramm die Generation 60 plus und von denen nicht viele, die Hälfte der Sitze waren belegt. Das Nellie braucht fürs Überleben also die nächste Generation.

Autor: Martina David-Wenk