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10. Dezember 2011

Mehr als nur ein Dach überm Kopf

Der Faktor Wohnen wird bei der Armutsproblematik oft unterschätzt.

Als die Vereinten Nationen 1948 die "Allgemeine Erklärung der Menschenrechte" abgaben, ging es auch um ganz konkrete Fragen des Alltags. In Artikel 25 heißt es: "Jeder hat das Recht auf einen Lebensstandard, der seine und seiner Familie Gesundheit und wohl gewährleistet, einschließlich Nahrung, Kleidung, Wohnung, ärztliche Versorgung und notwendige soziale Leistungen." Eine angemessene Wohnversorgung gehört also zu den grundlegenden Menschenrechten – ein Umstand, der bei der Armutsdiskussion oft übersehen wird. Hinter den (notwendigen) Debatten um Existenzminimum, fiktive Warenkörbe und Teilhabe tritt oft in den Hintergrund, dass Wohnen ein entscheidender Faktor ist, an dem sich die Brüche in der Gesellschaft festmachen lassen. Dabei geht es nicht nur um Wohnen im Sinne von Behausung, sondern auch um die Frage von persönlichen Entfaltungsräumen, von Privatheit und – im ganz elementaren Wortsinn – um Wohlfühlen. "Wenn Wohnen als ganz persönliches Umfeld nicht oder nur unzureichend vorhanden ist, bleibt die Würde auf der Strecke", sagt Stefan Heinz, der Leiter des Erich-Reisch-Hauses für Wohnungslosenhilfe im Landkreis Lörrach. Heinz spricht damit nicht nur die Situation von Wohnungslosen an, bei denen mit dem Verlust des eigenen Zuhauses gleichsam die gesamten sozialen Lebensumstände aufgelöst sind, sondern auch die vielen brüchigen Verhältnisse vieler Haushalte, für die Wohnen zu einem kaum noch bezahlbaren Gut wurde, das entweder ganz unerschwinglich ist oder ein Großteil des ohnehin knappen Budgets auffrisst. Tatsächlich sind Mietschulden oder Nebenkostenrückstände nach übereinstimmender Einschätzung von Fachleuten häufig der Einstieg in die Armuts- und Schuldenspirale.

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Auch wenn Wohnen nicht im Schlaglicht der sozialpolitischen Diskussion steht, bindet dieser Bereich gewaltige Summen. Im Landkreis Lörrach finanziert die öffentliche Hand allein für die Leistungsempfänger nach Sozialgesetzbuch II (SGB II) 300 000 Quadratmeter Wohnraum. Setzt man den im Kreis Lörrach dafür geltenden Höchstsatz von 5,50 Euro Kaltmiete an, so entstehen dadurch Kosten in Höhe von monatlich mehr als 1,5 Millionen Euro – ohne Nebenkosten. Auch die Leistungen für Wohngeld, die ja einen viel weiter gezogenen Personenkreis umfassen, sind in dieser Rechnung noch nicht eingeschlossen.

Für Sozialhilfeempfänger gelten außerdem noch Quadratmeter-Höchstgrenzen. Als angemessen gelten 45 Quadratmeter für einen Einpersonenhaushalt, 15 Quadratmeter werden für jede weitere Person zugebilligt. Wenn eine Rechnung aus den Faktoren Wohnungsgröße und Quadratmeterpreis die Höchstwerte übersteigt, kann das Jobcenter oder das Sozialamt einen Wohnungswechsel verlangen. Die Alternative ist, dass die Betroffenen aus ihrer Sozialhilfe (etwa 360 Euro pro Person) noch etwas für die Wohnung abzweigen. Das ist ein riskantes Verhalten. "Wenn dann eine Krankheit oder ein anderer Lebenszwischenfall dazu kommt, fliegen diese Menschen sofort aus der Bahn", sagt Wolfgang Gorenflo vom Diakonischen Werk im Kreis Lörrach.

Im Sozialamt des Landkreises sieht man diese Problematik. Fachbereichsleiter Hugo Mehlin räumt ein, dass man die Mietpreisgrenze von 5,50 Euro durchaus auf den Prüfstand stellen könne. Gleichzeitig verweist er auf die Sachzwänge. 20 Cent mehr pro Quadratmeter würden den Kreis pro Jahr 700 000 Euro kosten. Außerdem würde damit auf dem Markt eine allgemeine Preiserhöhung losgetreten, weil erfahrungsgemäß die Sätze, die das Sozialamt zahlt, faktisch die Mindestmieten sind. Ein nach wie vor ungelöster Konflikt ist der Streit um energetische Sanierungen. Die Wohnungsunternehmen, etwa die Wohnbau Lörrach, argumentieren, dass dann menschenwürdigere Wohnungen geschaffen seien und die Gesamtkosten nach einer Sanierung dennoch nicht unbedingt über der Grenze liegen, weil dann bei den Nebenkosten gespart wird. Für die Kostenträger "geht diese Rechnung nicht unbedingt auf", sagt Mehlin.

Stefan Heinz fordert deshalb einen breiten gesellschaftlichen-politischen Dialog, der den Wert des Wohnens grundsätzlich hinterfragt und soziale wie ökologische Aspekte berücksichtigt. Auch die Kostenträger müssten einsehen, dass Wohnungsverlust, Zwangsräumungen und Obdachlosigkeit letztlich etwa das Siebenfache kosten als deren Vermeidung. Aus diesem Grund hat die Stadt Lörrach mit dem Erich-Reisch-Haus eine Fachstelle Wohnungshilfe eingerichtet, bei der durch individuelle Hilfe versucht wird, Wohnungsverlust zu vermeiden. Nach einem Probelauf hat die Stadt beschlossen, die Fachstelle dauerhaft zu finanzieren. Innerhalb von etwa anderthalb Jahren hat die Stelle etwa 30-mal verhindert, dass Menschen auf der Straße oder in Notunterkünften gelandet sind (siehe Kasten mit Einzelfällen). Auffallend dabei: Die betroffenen Haushalte verfügten zu 42 Prozent über ein eigenes Einkommen und weitere 10 Prozent waren so genannte Aufstocker, bei denen Sozialhilfe eigenes Einkommen abrundet. Drohender Wohnungsverlust ist also keineswegs nur ein Problem für Hartz-IV-Empfänger.

Ohnehin sieht Heinz derzeit auch im Kreis Lörrach eine Entwicklung, bei der sozial schwache Menschen über den Faktor Wohnen an den Rand gedrängt werden – geografisch und gesellschaftlich. Bundesweit hätten bereits die Hälfte aller Mieter in städtischen Gegenden Probleme, ihre Miete aufzubringen. Dies gelte ähnlich auch für den hochpreisigen Landkreis Lörrach. Heinz warnt dabei auch vor einem schleichenden Prozess, der sich weit in die Gesellschaft eingräbt. Wer ganz auf der Straße lebt, dem gehen dadurch ohnehin fast alle sozialen Anbindungen verloren. Doch dies trete abgeschwächt auch schon bei unsicheren Wohnverhältnissen auf. Wohnraum, so beklagt Stefan Heinz, werde aufgrund zahlreicher Faktoren vom Sozialgut zum reinen Wirtschaftsgut. Aber Wohnen, da ist sich Heinz ganz sicher, "ist mehr als nur ein Dach überm Kopf".

Spendenkonten: Sparkasse Lörrach-Rheinfelden, BLZ 68350048, Konto 1008820

Volksbank Dreiländereck Lörrach, BLZ 68390000, Konto 3131. Spenden können auch bei den Geschäftsstellen der Badischen Zeitung im Landkreis Lörrach abgegeben werden.

Autor: Willi Adam