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14. Juli 2010
Moden wechseln – das Problem bleibt
Immer neue Drogen auf dem Markt / Alkohol bleibt zentrales Thema / Diskussion im Rahmen der "Woche der Justiz".
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Thomas Krämer, Toxikologe an der Universität Zürich, hielt das Eingangsreferat. Foto: Thomas Loisl Mink
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Dieter Inhofer, Hans-Heinrich Osterhues, Marion Caspers-Merk, Mathias Zeller, Frank Meissner, Harald Krohn und Engelbert Brüstle (von links) diskutierten im Alten Wasserwerk über Drogen. Foto: Thomas Loisl Mink
LÖRRACH. Die Techno-Droge Ecstasy gibt es kaum noch, dafür tauchen laufend neue, oft aus legalen Substanzen zusammengesetzte Partydrogen auf. Nicht weniger Probleme bereitet aber auch die Volksdroge Alkohol. Im Rahmen der "Woche der Justiz" diskutierten am Montag im Alten Wasserwerk Experten über die aktuelle Situation in Sachen Drogen.
"50 Prozent der 17- bis 25-Jährigen haben schon mal gekifft", berichtete Professor Thomas Krämer, Toxikologe an der Universität Zürich, der das Eingangsreferat hielt. Doch kiffen ist bei vielen Jugendlichen out. Heute rauchen viele "Spice", das sind Kräutermischungen, die als "Räucherwerk" verkauft werden und bei denen der Wirkstoff Chemikalien sind, die auf den Kräutern aufgebracht werden. Die Ausfallerscheinungen sind ähnlich wie bei Cannabis. Krämer warnte vor den Nebenwirkungen von Cannabis und ähnlichen Stoffen: Sie machen abhängig, verursachen Psychosen und dauerhafte Gedächtnisstörungen und stören bei Jugendlichen die Hirnentwicklung. Die vor allem in der Techno-Szene konsumierte Droge Ecstasy setzt im Körper Serontonin frei, was ein Glücksgefühl auslöst. Doch Ecstasy lässt Nervenzellen absterben, und die Fähigkeit, Glücksgefühle zu empfinden, hört dann irgendwann ganz auf. Deshalb, so Krämer, gebe es Ecstasy inzwischen praktisch nicht mehr, dafür neue Drogen, die aus Badesalz oder Pflanzendünger zusammengesetzt sind, Substanzen, die leicht zu bekommen und nicht verboten sind.Werbung
Warum, fragte SWR-Redakteur Matthias Zeller, der die anschließende Podiumsdiskussion leitete, schützt das Strafrecht den Drogenkonsumenten davor, sich selbst zu schädigen? Oberstaatsanwalt Dieter Inhofer antwortete, Sucht sei auch die Triebfeder für Beschaffungskriminalität und den Weiterverkauf von Drogen und damit der Verführung anderer. Engelbert Brüstle, Leiter der Kriminalpolizei, bestätigte den Wandel beim Drogenkonsum. Während bei Cannabis kaum ein Rückgang zu verzeichnen sei, verschwinde Ecstasy, dafür gebe es immer neue Drogen, die sich teils kaum nachweisen lassen. "Aber das ist ein Spiel mit dem Zauberkasten: Keiner weiß, was er kriegt", sagte Brüstle. "Die Verkäufer wollen kurzfristig Geld machen, egal, wer dabei draufgeht", fügte er an.
Frank Meissner vom Arbeitskreis Rauschmittel berichtet, Opiate und Heroin stehen immer noch an erster Stelle bei ihrer Tätigkeit, danach folgt Cannabis, an dritter Stelle Alkohol. Bei Drogenproblemen, die zur Krankenhausbehandlung führen, stehe Alkohol an allererster Stelle, sagte Professor Hans-Heinrich Osterhues, Chefarzt des Kreiskrankenhauses. Oft würden aber Alkohol und andere Drogen zugleich konsumiert und die Dunkelziffer bei den neuen Drogen sei sehr hoch. "In den 60er und 70er Jahren wurde nur gekifft, heute hauen sich die Leute alles rein", bestätigte Richter Harald Krohn. "Jedes zehnte Krankenhausbett ist ein Suchtbett", sagte die frühere Staatssekretärin Marion Caspers-Merk. Die Politik habe Drogenersatz- und Ausstiegsprogramme vervielfacht.
"Alkohol ist für den Staatsanwalt ein Riesenproblem. Es gibt praktisch keine Körperverletzung, bei der nicht Alkohol im Spiel ist", stellte Inhofer fest. Dem tolerierten Verkauf von Cannabis wie in den Niederlanden erteilte er ebenso eine Absage wie Caspers-Merk. "Wir haben massive Probleme mit legalen Suchtmitteln, warum sollten wir diese ausweiten durch die Legalisierung weiterer Drogen?" fragte sie. Einig war man sich, dass mit Repression alleine das Drogenproblem nicht zu lösen ist, sondern Aufklärung, Sozialarbeit und Hilfen für Süchtige nötig sind, was allerdings Geld kostet, wie Krohn und Brüstle feststellten. Jugendliche müssen respektiert und anerkannt werden, aber auch die Möglichkeit haben, Grenzerfahrungen zu machen, sagte Meissner, der sich ebenfalls für mehr Aufklärung aussprach. Alle sind gefragt, hinzuschauen, insbesondere bei Jugendlichen, sagte Osterhues.
Richter Krohn forderte unter dem Beifall der Anwesenden die Möglichkeit, eine Therapie zu machen statt eine Strafe abzusitzen, die es im Betäubungsmittelstrafrecht gibt, auch für Alkoholstraftäter. Marion Caspers-Merk sagte, sie habe vergeblich dagegen gekämpft, dass Leute, die wissen, dass sie unter Alkohol aggressiv werden, auch noch eine mildere Strafe wegen verminderter Schuldfähigkeit bekommen.
Auch gegen die neuen Drogen gebe es über das Arzneimittelgesetz Möglichkeiten, vorzugehen, stellte Inhofer fest. Doch er meinte auch: "Das Drogenproblem werden wir nicht abschaffen, so lange es Menschen gibt."
Autor: Thomas Loisl Mink


