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29. Januar 2016

Narrengala vom Tüllinger zum Olymp

Stehende Ovationen für glänzenden Premierenzunftabend in Haagen / Acht Akteure in 45 Rollen.

LÖRRACH. Der erste Applaus des Abends gilt der Handballnationalmannschaft, als Oberzunftmeister Stephan Vogt nach dem Einmarsch von Protektor OB Jörg Lutz und den Cliquenvertretern den Sieg zum Halbfinaleinzug bei der EM verkündet. Vier Stunden später applaudiert dasselbe Publikum stehend den Zunftmeistern für ein famoses Narrenspiel herrlicher Szenen, Witz und Ideenreichtum sowie glänzend aufgelegten Zunftschauspielern in vorderster Angriffslinie und im Rückraum.

Acht Mann in rund 45 Rollen, das ist die Kennziffer für Einfallsreichtum und Themenvielfalt, die diesen Zunftabend ausmacht. Ausgefeilt bis zum i-Tüpfelchen, musikalisch mitreißend unter maßgeblicher Mitgestaltung von Nightshadows-Chef Rolf Hauser und der Band, in Witz und Pointe treffsicher, in herrliche Kostüme und Masken gesteckt (dank der Arbeit von Zunftmeisterin Heike Geitlinger mit Lilo Benz und Mary Fazis) – so kennt man es in Lörrach, das will man sehen. Acht Szenen bieten reichlich Gelegenheit.

Ihre Themen finden die Zunftmeister vor allem im lokalen Bereich. Wie immer bei Narretei und Kabarett muss man die Pointen inhaltlich nicht teilen, aber an der großartigen Präsentation kann jeder seine Freude haben. Das aktuelle Megathema Flüchtlinge haben sie schon voriges Jahr in einer tollen hintergründigen Szene präsentiert, an diesem Abend wenden sie es zur Spitze gegen Weil. Die Nachbarstadt sei reif für den Friedensnobelpreis, reduziere Flüchtlingszahlen. In fernen Ländern künden Schilder: "Wer flieht, kommt nach Weil am Rhein." So einfach geht das in der Fasnacht. Weil bleibt beliebtes Ziel des Narrenspottes.

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Also lassen die Zunftmeister die Gemeinderäte beider Städte auf dem Tüllinger zum Rhetorikkurs antreten. Fachbereichsleiterin Anette Rebmann-Schmelzer (Hans Gempp grandios) versucht sie "uff de Punkt" zu trimmen, statt ausschweifend und nichtssagend. Klamauk und Kritik gedeihen in schönster Symbiose. Diese Paarung findet sich öfter an diesem Abend, etwa in der sehr schönen Szene des mobilen Polizeipostens auf dem Marktplatz. Auf den Tüllinger zieht es die Narren schon zum Auftakt, der hintersinnig "Wiitblick" heißt, wie das aufstrebende Hochhaus am Fuß des Berges. Hier sei, hört man später, das oberste Stockwerk unverkäuflich – klar, "wil me uff Wiil luegt". Weitblickend geht’s um Strategien zwischen Diana Stöcker (Philipp Buser spielt nicht nur in dieser Rolle super) und Regionalplaner Donato Accocella darum, wie Rheinfelden nach Lörracher Vorbild auch zur Metropole werden könnte (Standortvorteile: am Wasser und an der Schweiz).

Apropos Schweiz, die Nachbarn gerinnen zu grüne Zettel heischenden Konsumgrenzgängern, ihr Motto: Geschenkt ist noch zu teuer. Für die Not deutscher Kundschaft haben die Zunftmeister eine Lösung: Im Kaufhaus wird alle halbe Stunde die Schweizer Nationalhymne gespielt, dann stehen die Eidgenossen stramm und in der Zeit können die Einheimischen einkaufen. Tusch.

Fifa-Skandal und gekauftes Sommermärchen beschäftigt ein tolles Trio im Grüttpark (Schuldt, Sterzel, Vogt) vorm Vereinsheim "Sechzehner" ("In Rekordzeit aus dem Boden gestampft."), bei dessen Spielbeobachtungen im Comedy-Stil Loriot grüßen lässt. In großer Form agieren die "Märtwiiber" (Ciprian-Beha, Gempp) im Gemüsestand – temperamentvoll, rätschgoschig und zwerchfellerschütternd wie eh und je.

Ganz großes Kino präsentiert die Zunft auf dem Olymp. Die chaotische Götterbagage spiegelt griechisches Erdendasein in perfekter Karikatur. In Kinowelten tauchen die Zunftmeister in der Schlussnummer ein, indem sie Rentner-Bonds 007 (Günter Zisselsberger, Horst Krämer, Frieder Speck) als OB-Berater auftreten lassen, die Lösungen für drängende Probleme ausspionieren: So kann man notfalls auch in Weil wohnen; in hiesige Wohnbau-Wohnungen kommt man ja "nur sehr schwer rein".

Eine gelungene Überraschung ist das "Gipfeliträffe" auf dem Alten Marktplatz. Anlässlich des Wahlkampfs treffen sich hier Kretschmann und Wolf. Der findet schließlich doch nicht statt, und doch ist die Szene höchst unterhaltend. Einfach zunftmeisterlich.



Viele wirken mit
Am Ende also wird stehend applaudiert: für die in Bestform spielenden Zunftmeister Stephan Vogt, Andreas Glattacker, Ralf Buser, Philipp Buser, Klaus Ciprian-Beha, Hansi Gempp, Karl-Heinz Sterzel, Christoph Schuldt; aber auch für alle, die hinter der Bühne das Gesamtkunstwerk Zunftabend mitgestalten. Neben den bereits Erwähnten sind das Lukas Grusenmeyer und Nico Vogt (Technik), Hans-Werner Schuldt und Andreas Kühn (Aufbau und Bühnenbild), die Souffleusen Ellen Quercher und Andrea Rümmele sowie nicht zuletzt Kulissenmaler Hanspeter Goldian.

Nicht zu vergessen: Die Zundelgirls begeistern mit einem sehr gelungenen Auftritt und der Stadtspielmannszug bereichert die Premiere.

Mehr Bilder vom Zunftabend gibt es in einem Fotoalbum unter http://mehr.bz/zunftabend2016

Autor: Nikolaus Trenz