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01. Februar 2013

"Schwimmfescht" mit munteren Spritzern

Lörracher Zunftabend in der Alten Halle in Haagen / Man muss nicht nur ein Weiler sein, um Zielscheibe närrischen Spotts zu sein, mit der Zollfreien geht’s auch.

  1. Vereint gegen Lörrach: Die drei Musketiere vulgo Ortsvorsteher, (von links) Hans Gempp alias Aramis von Haagen, Karlheinz Sterzel (Porthos von Brombach) und Andreas Glattacker (Arthos von Hauingen). Foto: Barbara Ruda

LÖRRACH. Alte Halle – neues Programm. Hohes Niveau. Respekt. Der Zunftabend 2013 begeistert sein Publikum. Es bedachte die Premiere am Ende mit Standing Ovations, da hatte Oberzunftmeister Stephan Vogt schon gedankt, "dass Sie so geduldig Zaungascht bi unserem Schwimmfescht gsi sin". Gemeint hat er damit, dass im Meer der Pointen und Persiflagen dieses gut vierstündigen kurzweiligen Programms die eine oder andere Textklippe zu umschwimmen war. Das gelang bisweilen in derart sympathischer und witziger Weise, dass dafür wieder Applaus aufbrandete. Mit "Schwimmfescht" hat der Ozume doch übertrieben. Das Zunftmeistersextett auf der Bühne behielt stets Oberwasser und bietet, unterstützt von denen in Kulisse und Schminkkabine sowie den Musikern der Nightshadows um Rolf Hauser, einen höchst unterhaltsamen Fasnachtsabend.

Lörrach umgeben von Stofflieferanten für die Zunft

Lörrach (=Stadt) ist umzingelt von Ortsteilen wie Brombach, Haagen und Hauingen, von Riehen und weiterer Schweiz sowie von Weil am Rhein, Binzen und Kandern. Da muss man sich behaupten. Das denken auch die Zunftmeister und sehen in all dem Drumherum nur legitime Zielscheiben ihres Spotts. Das ist auch an diesem "Schwimmfescht" nicht anders, weshalb sie gleich zu Beginn mit einem kühnen Satz ins Zunftabendbecken springen, dass die drei roten Musketiere von Ortsvorstehern von ihren blauen Bühnen-Bildern nur so nass gemacht werden. Aber es wird (auch sonst an diesem Abend) keiner so untergetaucht, dass ihm die Luft wegbleibt. Allenfalls kriegt der eine oder andere im Festverlauf öfter mal eins mit: sei es eine von hinterrücks voll treffende und laut klatschende Badekappe voller Wasser (Platsch, Manfred Steinbach!), oder die zappelnd vom Turm geflogene Wasserbombe entfaltet direkt neben dem Weiler OB Dietz und über dem von ihm gelenkten Gemein(!)Wesen (so sehen das die Lörracher Narren) ihre wuchtige Fontäne. Bürgermeister Michael Wilke liefert erstmals Zunftabendstoff, es reicht schon für eine Off-Rolle in einer Szene, in der Diana Stöcker (Innocel) einen Werbeslogan für Lörrach sucht und ihr dabei der erwähnte Herr Dietz, der Ex-Burgi von Kandern und a Buur vu Malschburg-Marzell in die Quere kommen. Die Zunftmeister erweitern ihren Aktionsradius nicht nur den Schwarzwald hinauf, sondern über den Rhein nach Fessenheim. Das AKW ist erstmals Ort einer gelungenen Szene. Und dass ihnen zur Zollfreien, die sie vor Jahren schon im Zunftabend eröffnen haben, immer noch eine Szene einfällt: alle Achtung. Jetzt geh’n sie auf den Riehener Badibauplatz und spritzen von dort aus nass, wer ihnen bei diesem Thema unterkommt, Szenenprotagonist Thomas Denzer, a Schwob als Bauleiter. Große Politik im alltagsmenschlichen Zuschnitt gibt’s diesmal vor dem Café Pape. François Hollande trifft Angela Merkel und beide zusammen den Kellner, Herrn Nussi. Super.

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Es ist den Zunftmeistern viel eingefallen, den einen mag es nicht bissig genug sein, andere vermissen den bisweilen abgründigen höheren Blödsinn früherer Szenen. Doch insgesamt kommt jeder auf seine Kosten: Von kalauerndem Verbalklamauk über pointiert-angriffige Narrenkritik bis zu fast philosophisch-hintergründigem Kabarett ist alles dabei, wobei die für Letzteres stehende Szene an der Daurhütte, eine Begegnung vom "alde" Gott(fried) mit einem jungen jakobs-pilgernden Sinnsucher für die Fasnacht auch mutig ist. Aber das macht die Vielfalt von Fasnacht der Marke Lörracher Zunftabend aus. Dass da viele tolle Gesangsanteile dabei sind, wird schon erwartet. Und zu den Überraschungen gehört alle Jahre die Frage nach dem Pausezeichen. Die Zeit zwischen den Szenen füllt neben Schunkelrunden diesmal als "Ansager" Bademeister Klaus Ciprian-Beha, der daraus sein Schwimmfest macht und alle Zwerchfell bewegenden Lagen beherrscht.

Ein starkes Team auf und hinter der Bühne

Neben ihm stehen in vielen Rollen und mit großartigen Leistungen auf der Bühne die, sagen wir, großen Vier: Karl-Heinz Sterzel, Stephan Vogt, Andreas Glattacker und Hans Gempp, dazu Ralf Buser. Hut ab, vor der Leistung aller. Nicht vergessen wollen wir Heike Geitlinger famose Masken), Kulissenmaler Mike Brombacher (gelungene Bühnenbilder), Techniker Lukas Grusenmeyer und Requisteur Hans-Peter Schuldt sowie Souffleuse Ellen Quercher. Sie wird von Zunftabend zu Zunftabend stiller. Am ersten musste sie den Zunftschwimmern noch ein paar verbale Rettungsringe zuwerfen. Zu diesem "Schwimmfescht" passt das Motto "Die Zunft bewegt Lörrach". Ihr Publikum macht mit: lachend, applaudierend, (mit-)singend, schunkelnd. Was will der Fasnächtler mehr?

Zunftabend: Ein Online-Fotoalbum unter http://www.badische-zeitung.de

Autor: Nikolaus Trenz