Sich selbst noch einmal neu denken

Annette Mahro

Von Annette Mahro

Mi, 26. Juli 2017

Lörrach

Die 11. Klasse der Lörracher Waldorfschule zeigte das Stück "Biografie: Ein Spiel" nach Max Frisch.

LÖRRACH. Die Scheidung einzureichen, wäre einfacher gewesen. Aber Hannes Kürmann will mehr. Der Professor und Verhaltensforscher will die eigene Biografie neu schreiben und seine Ehefrau Antoinette dazu am liebsten gar nicht erst kennengelernt haben. In Max Frischs Bühnenklassiker "Biografie: Ein Spiel" überwacht ein Spielleiter das Neuschreiben des eigenen Lebenslaufs. Im diesjährigen Elftklassstück der Lörracher Waldorfschule vervielfältigen sich die im Original vier auf neu 18 Rollen. So gibt es etwa Kürmann und Antoinette in verschiedensten Variationen nach Charakter, Alter und Lebenssituation. Annett Louisans Song "Das Spiel" passt da gut zum Thema. Elisabeth Richardsen lief damit, am Klavier begleitet von Gegenwarts-Kürmann Aljoscha Jung, zu Hochform auf.

Regisseur Uwe Fröhlich, den, wie an der Waldorfschule üblich, die Schülerinnen und Schüler ebenso selbst ausgewählt hatten wie das aufgeführte Stück, hat die Story noch näher an die aktuelle Lebenswelt der Jugendlichen herangeholt. Eingebaut ist sowohl eine Nebengeschichte um ein zweites Paar (Raphael Wiech und Sonia Berger) als auch die Agentur "Biographia", die den Spielleiter ins Hier und Jetzt holt. "Bei uns kann Ihnen geholfen werden", wendet sich die resolute Chefin (Amy D’Alwis) ans Publikum. Wer der Bühnenversion samt ihren oft urkomischen Einschüben folgt, muss indes bald einsehen, dass Änderungen immer nur marginal ausfallen können oder allenfalls zufallsbedingt sind, leitet sich ein Lebenslauf doch sehr vom Temperament und weiteren Einflüssen ab. Die lassen sich so leicht nicht ändern.

Hannes Kürmann darf dennoch einige Varianten durchprobieren. Der wütende Schneeballwurf, der einen seiner frühen Spielkameraden ein Auge kosten wird, scheint ihm rückblickend nicht mehr wichtig genug, um ihn zu korrigieren, den Suizid seiner ersten Frau lastet er sich nicht an. Die Schüsse auf Antoinette waren dagegen bereits eine Variation und lassen sich leicht revidieren. Aber auch das ändert wenig. Kürmanns nachträglicher Eintritt in die kommunistische Partei dokumentiert nur den Willen zum Wechsel. Entsprechend führt er zu nichts Gutem, kostet ihn aber die Professur. Wie die schon genannten drei Figuren zerfällt auch der Assistent in der Lörracher Inszenierung in viele Gesichter. Im Arzt (Henry Nachbur), der dem bereits todkranken Kürmann seine Diagnose verschweigt, konnte man mit etwas Phantasie sogar den Autor selbst erkennen.

Max Frisch kam als eingespielter O-Ton schon zum Auftakt zu Wort, und es blieb insgesamt nicht beim Abspulen der Handlung auf einer einzigen Bühne. In einer simplen, dafür aber umso wirkungsvoller animierten Projektion schienen etwa an der Seitenwand Szenen aus dem Leben der Kürmanns auf. Mitunter tanzte auf der Nebenbühne auch eine weitere Variante des wirklichen Lebens, wurde die Schneeballszene noch einmal gespielt oder die Begegnung des Studenten Kürmann (Miguel Sanchet) mit einer frühen Liebe an einer US-amerikanischen Hochschule (Rebekka Horn). Wäre alles anders gekommen, wäre er damals nicht zurückgegangen, der sterbenden Mutter wegen? Am Ende muss Kürmann in der Adaption wie im Original keine Entscheidung mehr treffen. Antoinette hat sie ihm abgenommen.