Städtebaulicher Fingerzeig

Annette Mahro

Von Annette Mahro

Di, 26. Juni 2018

Lörrach

Eine Bustour zum 23. Tag der Architektur führte vom historischen Bau zum Hochhaus mit Weitblick.

LÖRRACH. Erhalt und Nachverdichtung von historischer Bausubstanz auf der einen und städtebaulicher Fingerzeig auf der anderen Seite: Die Rundfahrt zum 23. Tag der Architektur bot am Samstag Einblick in rund 450 Jahre Baugeschichte im Landkreis Lörrach und reichte von der Sanierung eines Gutshofs aus dem 16. Jahrhundert bis zum 2017 bezogenen Hochhaus an der Lörracher Stadtgrenze.

Billiger als neu zu bauen, wird es beim 1761 gebauten Wohnhaus nahe der Wollbacher Dorfkirche eher nicht. Bleiben doch hier nur die Außenwände stehen und selbst deren malerisches Bruchsteingemäuer, das unter dem alten Putz zum Vorschein kam, soll wieder unter neuem verschwinden. Abgesehen vom Erhalt des historisch gewachsenen Ortsbildes wäre ein kompletter Neubau entsprechend aktueller Vorschriften aber auch nicht mehr in denselben Dimensionen möglich gewesen, so der hier verantwortliche Architekt und Tour-Organisator Christoph Geisel. Eine weitere Dimension nimmt das Thema Sanierung beim Historischen Gutshof aus dem 16. Jahrhundert in Efringen-Kirchen an. In Bauherrengemeinschaft unter unter der Regie der Konstanzer Siedlungswerklstatt wurde der unter ehemalige Dreiseitenhof selbst komplett saniert und die äußerlich erhaltene Scheune zu Wohnungen umgewandelt. Zusätzlich sind auf dem 2000 Quadratmeter großen Areal drei Einfamilienhäuser im Passivhaus-Standard entstanden, die sich ins Ensemble einfügen.

Noch kompromissloser schmiegen sich die Alt-Weiler Traditions-Gaststätte Krone und ihr Sichtbeton-Neubau aneinander, für den das Weiler Büro Askari Architekten die Bauverantwortung hatte. Rechtwinklig an das alte Haus angefügt sind hier Hotelzimmer, Tagungsräume, Parkflächen sowie ein luftiger Platz für Außen-Gastronomie entstanden. Im Ergebnis ist das schon seiner Architektursprache irgendwo zwischen Le Corbusier und Zaha Hadid wegen einen Besuch wert. Vor dem bekanntlich vor Ort gepflegten Thema Kunst und Design verbeugt sich auch die Innenausstattung. Das äußere Gesamterscheinungsbild des Gasthofs gibt allerdings auch bereits einen dezenten Hinweis auf die gehobenen Ansprüche, die hier bedient werden.

Anfang und Ende der Bustour hätten inhaltlich gesehen kaum weiter auseinander liegen können. Hatten doch die Lörracher Wohnbau und das Stuttgarter Büro Kränzli und Fischer-Wasels in Kooperation mit dem Sozialen Arbeitskreis SAK mit dem Projekt "Am Bahndamm" ein über Lörrach hinaus leuchtendes Zeichen gesetzt. Anstatt die in die Jahre gekommenen Häuser an der Grenze zur Schweiz durch eine hochpreisige Bebauung zu ersetzen und die alten Bewohner zu vertreiben, entschied man sich dafür, Alt gegen Neu zu ersetzen und einen die Menschen wertschätzenden Städte- und Wohnungsbau zu realisieren. Zwar wurden aus einst 63 Wohnungen neu 80, aber trotz der entsprechend dichten Bebauung entsteht kein Gefühl des Eingeschlossen seins. Wert gelegt wurde bei der Planung auch darauf, den sozialen Frieden in den Häusern zu sichern.

Wichtig war es im Gebiet Dammstraße/Leibnizweg schließlich, eine größtmögliche soziale Durchmischung zu erhalten. Während ein Teil der Bauten Hartz-IV-fähig ist, sind weitere für Bewohner mit niedrigem bis mittlerem Einkommen vorgesehen. Der markante Wohnturm mit Blick in die Schweiz an der Zollfreien Straße, den die Lörracher Architekten Moser, Wilhelm und Hovenbitzer verantworten, deckt schließlich das Hochpreissegment im Eigentum ab. Das Interesse an den kostenfreien Bustouren, die die die Architektenkammer Baden-Württemberg finanziert und die jeweiligen Kammergruppen organisieren und begleiten, ist nicht nur ungebrochen hoch, sondern mit den Jahren gewachsen. "Sobald die erste Ankündigung in der Zeitung steht, sind wir ausgebucht", freut sich Christoph Geisel, der die Touren seit Jahren sachkundig begleitet, "gut so!"