Über Erlebtes sprechen

Boris Burkhardt

Von Boris Burkhardt

So, 21. Oktober 2018

Lörrach

Der Sonntag Pilotprojekt für Kinder suchtkranker oder psychisch belasteter Eltern.

Aufgrund der Daten für Deutschland und Baden-Württemberg geht die Beratungsstelle "Hilfen für Kinder und Jugendliche suchtkranker Eltern" (Kisel) des Arbeitskreises Rauschmittel mit Sitz in Lörrach davon aus, dass im Landkreis Lörrach 6000 Kinder in Familien leben, in denen mindestens ein Elternteil suchtkrank ist. Das Projekt "Leuchtturm" der Diakonie rechnet mit ähnlichen Zahlen bei psychisch kranken Eltern: Jedes vierte Kind in Deutschland soll davon betroffen sein.

"Kinder sucht- oder psychisch kranker Eltern haben ein hohes Risiko, selbst suchtkrank zu werden oder psychische Probleme zu bekommen", sagt Sozialpädagoge Jörg Breiholz, der beim sozialpsychologischen Dienst der Diakonie für Seelische Gesundheit zuständig ist. Zusammen mit Kisel-Leiter Frank Meißner hat er deshalb ein zweijähriges Projekt gestartet, dass betroffenen Kindern beider Probleme helfen soll. Bisher gab es die Beratungsangebote nur einzeln. Das Pilotprojekt "Kisel-Leuchtturm" wird in Weil am Rhein angeboten und richtet sich an Kinder von sechs bis elf Jahren.

Dabei gilt es, das falsche Bild einer verwahrlosten Wohnung und handlungsunfähiger Eltern zu vermeiden. In den Fällen, für die "Kisel-Leuchtturm" gedacht ist, handelt es sich um Kinder von Eltern, die ihre Probleme bereits eingesehen haben. "Wir gehen davon aus, dass die Eltern gute Eltern sein wollen", sagt Breiholz. Überhaupt entstehe der Kontakt zu den betroffenen Kindern in erster Linie, weil die Eltern sich an die entsprechenden Beratungsstellen für Erwachsene beim Arbeitskreis Rauschmittel oder dem Landesverband für Suchtgefahren beziehungsweise den sozialpsychologischen Diensten von Caritas und Diakonie gewandt hätten. Die Eltern müssten auch ihr Einverständnis geben, damit die Kinder teilnehmen können: "Wir wollten die Kinder nie dem Gewissenskonflikt aussetzen, wenn sie gegen den Willen ihrer Eltern bei uns wären."

Eine vertrauensvolle Umgebung sei unabdingbar für den Erfolg der Beratung. Die Kinder sollen vor allem erfahren, dass sie nicht alleine sind: Oft seien die Kinder in ihrer Einsamkeit der Überzeugung, sie seien selbst schuld an der Situation in ihrer Familie. Kinder in solchen Familien würden früh erwachsen. Die Treffen finden erstmals am 8. November im Mehrgenerationenhaus der Diakonie in Weil-Friedlingen von 16.30 bis 18 Uhr statt, danach immer donnerstags außer in den Schulferien. In dieser Zeit sollen die Kinder "ihre Gefühle verbalisieren, über das sprechen können, was daheim passiert ist". Gegebenenfalls werde das Erlebte mittels anderer Ausdrucksformen wie Tonen oder Malen verarbeitet. Hier wird nochmals deutlich, wie wichtig das Einverständnis der Eltern ist: "Sie sind das Thema bei diesen Treffen." Doch Breiholz ist zuversichtlich: Die psychisch kranken Eltern, deren Kinder bisher die "Leuchtturm"-Beratung in Anspruch genommen hätten, hätten nur positive Erfahrungen gemacht. "Unser Ziel ist es, dass die ganze Familie profitiert."

Das gemeinsame Projekt beider Beratungsorganisationen ist auch auf Wunsch des Lörracher Landratsamtes entstanden, wie Breiholz sagt. Die bisherige Finanzierung der Personal- und Sachkosten sei nur dank Spendern möglich gewesen, darunter die beiden Tageszeitungen und der SC Freiburg. Für die Teilnehmer ist das Angebot kostenlos. Geleitet werden die Treffen von Kirstin Faller von der Diakonie und Daniela Schmidle von Kisel. Geplant wurde mit acht Kindern; geografischer Schwerpunkt ist Weil am Rhein und das Markgräflerland. Das gemeinsame Projekt gibt es vorerst nur in Weil, beide Organisationen haben aber weiterhin getrennte Angebote für dieselbe Zielgruppe in Lörrach und Rheinfelden. Kisel bietet außerdem Beratung für Kinder suchtkranker Eltern zwischen 12 und 15 Jahren.

Ein Angebot für Kinder unter sechs Jahren gibt es laut Breiholz jedoch nicht. Er sehe durchaus Bedarf für eine spezifische Beratung, allerdings hätten dafür weder die Diakonie noch der Arbeitskreis Rauschmittel Kapazitäten. Für Kinder dieses Alters, die sucht- oder psychisch kranke Eltern hätten, gebe es die Sozialberatung von Caritas und Diakonie sowie die Sozialpädagogische Familienhilfe des Landkreises. Boris Burkhardt