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26. Januar 2010 20:39 Uhr
Holocaust-Gedenktag
Verfolgung der Zeugen Jehovas zerreißt Lörracher Familie
Der 27. Januar ist der Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus, zum ersten Mal stehen dabei die Zeugen Jehovas im Mittelpunkt. Auch eine Lörracher Familie geriet damals ins Visier der Verfolger: Anna Maria und Oskar Denz mit ihrer Tochter Anna. Die Eltern kamen in Konzentrationslagern ums Leben, Anna wurde über die Grenze geschleust und gerettet.
LÖRRACH. Vor genau zehn Jahren erschien in der Badischen Zeitung ein Artikel, der an die Familie Denz erinnerte. Anlass war das Buch "Widerstand als Bekenntnis", das der Karlsruher Professor Hubert Roser eben herausgebracht hatte und in dem Anette Michel das Schicksal der Lörracher Familie nachzeichnete.
Oscar und Anna Maria Denz kamen danach Anfang der 20er Jahre mit den Bibelforschern in Kontakt, wie die Zeugen Johovas damals hießen. 1931 trat das Paar aus der evangelischen Kirche aus und ließ sich in Basel im Sinne der Bibelforscher taufen. Als die Nazis an die Macht kamen, war Anna zehn Jahre alt und Schülerin der Hebelschule. Rasch geriet sie in die Isolation, zumal sie sich dem Bund Deutscher Mädel wie dem Hitlergruß verweigerte und sich an illegalen Aktionen der Eltern beteiligte. Die Familie schmuggelte Schriften und Bücher der Sekte von Basel nach Lörrach, die einfache Arbeiterwohnung wurde, schreibt Anette Michel, "zentrale Anlaufstelle für die illegale Untergrundarbeit an der Grenze".
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1938 flog die Familie bei einer Schmuggelaktion auf. Die knapp 15-jährige Anna Denz wurde nach mehreren Verhören aus der Haft entlassen, vor der Urteilsverkündung brachten sie Gemeindemitglieder im Auftrag der Sekte illegal über die Grenze. Ihre Eltern sah das Mädchen nie wieder: Oscar Denz wurde im Konzentrationslager Mauthausen im Juli 1942 wahrscheinlich im Zusammenhang mit medizinischen Experimenten ermordet, Anna Maria Denz war bereits Ende 1941 im KZ Ravensbrück nach strengster Bunkerhaft gestorben. Sie hatte sich zusammen mit anderen Frauen geweigert, sich an der Produktion von Fliegerjacken zu beteiligen. Dies war aus Sicht der Bibelforscher Teil der konsequenten Kriegsdienstverweigerung.
Dies stellte die BZ Ende Januar 2000 mit Bezug auf die Forschung von Anette Michel unter der Überschrift "Für den Glauben mussten sie sterben" dar. Einige Tage nach der Veröffentlichung erfuhr die Geschichte eine unerwartete Fortsetzung. Es meldete sich eine Leserin aus Inzlingen, die den Artikel gelesen hatte. Die Bilder von Anna-Maria, Oskar und Anna Denz hatte sie dabei sofort wiedererkannt: Sie waren auch in einem Fotoalbum enthalten, das sie Anfang der 80er-Jahre im Stettener Wilhelmweg auf dem Sperrmüll gefunden hatte. Mitgenommen hatte die Leserin damals eine Kiste, die jemand für die Abfuhr auf die Straße gestellt hatte und die Nähzeug und jede Menge bunte Knöpfe enthielt. Auf dem Grund der Kiste freilich stieß sie auf weniger belanglose Stücke: Fotoalben waren da, außerdem Bündel mit Briefen in sauberer Sütterlinschrift, geschrieben auf die Vordrucke der Konzentrationslager Mauthausen und Ravensbrück.
Die Leserin hatte den Fund aufbewahrt, weil sie begriff, dass sie historische Dokumente in den Händen hielt – sie im Detail zu entziffern scheute sie sich aber, weil sie nicht in ein Leben eindringen wollte, das es zu respektieren galt. So wurde ihr der Hintergrund des Fundes nie recht klar, wohl aber bewahrte sie ihn auf. Erst mit der Lektüre des BZ-Artikels erfuhr sie, welche Familie und welches Schicksal den Hintergrund bildeten. Der Fund enthielt zensierte Post, die sich die Eheleute von KZ zu KZ schickten, außerdem die Todesmeldungen und Postkarten von Anna Denz an eine Tante in Lörrach. Auf den Sperrmüll gelangten die Dokumente vermutlich, als der Haushalt dieser Tante aufgelöst wurde.
Über eine Verwandte der Familie Denz gelangte der Fund vor zehn Jahren an Anna Denz, die in die USA ausgewandert war. Bei einer Veranstaltung im Juli 2000 im Rahmen einer Ausstellung über die Zeugen Jehovas im Museum am Burghof, an der auch Anette Michel und Hubert Roser teilnahmen, wurde die Geschichte der Sperrmüll-Briefe noch einmal aufgegriffen – eine Geschichte, die alles andere als alltäglich ist.
Autor: Sabine Ehrentreich
