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27. Juli 2010
Eurodistrict
Warum Lörrach so viel in die grenzüberschreitende Zusammenarbeit investiert
Entweder Grenzstadt mit eingeschränktem Einzugsgebiet, aber immerhin erste Geige im eigenen Landkreis, oder mitspielen im vielstimmigen Orchester der trinationalen Region Basel und dabei auf Solorollen verzichten – diese Frage hat Lörrach für sich längst beantwortet.
LÖRRACH. Die Stadt sieht sich als Teil der Region. Doch wenn Lörrach mehr als nur eine Vorstadt des Wirtschafts- und Kulturzentrums Basel sein will, bedarf es auch eigener Akzente. Wohnen, Einkaufen, Bildung und Kultur sind die Themen, die Lörrach in die Region einspeist – auch zum eigenen Vorteil.
Dass sich Lörrach als aktiver Teil der Region im Eurodistrict Basel versteht, hat der Gemeinderat strategisch bei einer Klausur im Herbst 2007 festgelegt. Konsens herrschte darüber, dass Lörrach vorhandene Merkmale wie etwa die "Stimmen" oder den Ruf als Einzelhandelszentrum (von den 410 Millionen Euro Jahresumsatz kommen 20 Prozent von Schweizer Kunden) weiter stärken muss und zusätzlich Projekte entwickelt, die überregionale Strahlkraft haben. An dieser Position hat sich nichts geändert. Allerdings zeigt sich, dass in einer regionalen Zusammenarbeit, noch dazu wenn Partner aus drei Ländern zu berücksichtigen sind, die Dinge oft einen langen Atem brauchen.Im Lörracher Rathaus kümmert sich vor allem der Fachbereich Stadtentwicklung um die regionale Arbeitsebene. Das ist auf den ersten Blick ein Widerspruch: Warum soll sich ausgerechnet jene Stabsstelle, deren Aufgabe sich auf die Zukunft der eigenen Stadt bezieht, gleichzeitig auch die Dinge außerhalb begleiten? Frédéric Duvinage, der Geschäftsführer des Trinationalen Eurodistrict Basel (TEB) nennt das im Gespräch mit der BZ eine "kluge Strategie". Ein ganz wichtiger Faktor für die Bedeutung der Stadt Lörrach in der Region ist seiner Meinung nach nämlich zunächst einmal die eigene Attraktivität. Die langfristig vollzogene Stadtentwicklung, die auf ein funktionales und lebendiges Zentrum und auf eine gutes Bildungs- und Kulturangebot gesetzt hat, macht Lörrach als Einkaufsstadt zum Ziel von Menschen aus der gesamten Region. Das gilt natürlich auch für die eigenen Einwohner, die in Lörrach vorfinden, was sie zum Leben brauchen. "Lörrach ist wirklich weit mehr als eine Schlafstadt", urteilt Duvinage. Und er bringt noch einen anderen Zusammenhang ins Spiel: Während es jedes Jahr auf französischer Seite fast 1000 Grenzgänger weniger gebe, nimmt deren Zahl in Lörrach zu (mittlerweile mehr als 5000). Qualifizierte Fachkräfte, die vom wirtschaftlichen Zentrum Basel nachgefragt werden, konzentrieren sich offenbar eher auf die deutsche Seite. Folglich, so Duvinage, zahle sich die Einbettung der Lörracher Stadtentwicklung in die regionalen Zusammenhänge aus. Duvinage: "Lörrach schöpft die Nähe zur Schweiz optimal aus." Für den TEB-Geschäftsführer ist Lörrach deshalb nicht nur die größte Stadt im deutschen Teil des Eurodistricts, sondern in diesem Segment tatsächlich auch der Motor.
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Ein weiteres Beispiel ist für Frédéric Duvinage das Schülerforschungszentrum "phaenovum". Mit dieser Einrichtung, die ursprünglich aus der Arbeitsgemeinschaft einer Lörracher Schule und einem Schüler-Projekt der früheren Berufsakademie hervorgegangen ist, arbeitet zwischenzeitlich als EU-gefördertes Projekt im trinationalen Rahmen. "Welche Stadt in der Region ist sonst noch Träger einer trinationalen Bildungseinrichtung, welche Stadt hat eine eigene Stelle für die Bearbeitung von Interreg-Anträgen?", fragt Duvinage rhetorisch.
Doch nicht immer läuft die Lörracher Orientierung an den grenzüberschreitenden Zusammenhängen reibungslos. Zentrales Projekt im TEB wird in den nächsten zehn bis 15 Jahren vermutlich die Internationale Bauausstellung (IBA) sein. Lörrach wollte ursprünglich mit dem unmittelbaren Nachbarn Riehen einen grenzüberschreitenden Modellstadtteil Stetten-Süd/Stettenfeld entwickeln und dies in eine umfassende Untersuchung der Siedlungsstruktur im unteren Wiesental einbetten.
Doch die Riehener Stimmbürger haben dieser Studie die Finanzierung versagt. Nun stehen die Nachbarn wieder ohne konkretes IBA-Projekt da. Das sei, meint die Lörracher Stadtentwicklungsplanerin Astrid Loquai, zunächst kein Problem, schließlich könne man im Laufe der langen IBA-Projektzeit noch immer neue Ideen entwickeln. Allerdings wird der Plan, direkt auf der Grenze einen zusätzlichen S-Bahn-Halt zu schaffen, mit dem Scheitern des grenzüberschreitenden Stadtteils noch schwieriger zu realisieren sein. Lörrach will aber in dieser Frage nicht aufgeben. Denn alles, was die Stadt in das S-Bahn-Netz investiert, kommt der Region zugute. Und von der Stärke der Region wiederum – das hat sich nun schon mehrfach gezeigt – profitiert Lörrach als regionalpolitischer Musterknabe in besonderem Umfang.
Autor: Willi Adam


