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09. September 2011
Wie "braun" war Lörrach?
Robert Neisen erforscht im Auftrag der Stadt die Geschichte Lörrachs im Dritten Reich / Welche Rolle spielte Bürgermeister Boos?.
LÖRRACH. Im Januar begann der Freiburger Robert Neisen, sich im Auftrag der Stadt in die Geschichte Lörrachs zur Zeit des Nationalsozialismus einzugraben. Die Arbeit mache ihm "extrem Spaß" und sei noch spannender, als er zunächst dachte, sagt der promovierte Historiker. Und erste Erkenntnisse zeichnen sich auch schon ab.
Das Thema einmal für eine Kommune ganz in die Tiefe hinein zu verfolgen, sei für einen Historiker höchst befriedigend, erklärt Neisen, der zur gleichen Epoche bereits für Kommunen und Firmen geforscht hat. Noch vor dem Start in Lörrach hatte er sich mit der neuesten Literatur zur NS-Zeit allgemein und in Baden beschäftigt, um danach im Stadtarchiv und im Staatsarchiv Freiburg in die Lörracher Akten einzutauchen. Im Mittelpunkt seines Forschens stehen zunächst Gleichschaltung und Parteiorganisation in Lörrach und die Bewertung von Bürgermeister Boos. Dass an diesem Punkt in Lörrach viele widersprüchliche Einschätzungen kursieren, war ein wesentlicher Impuls, den Forschungsauftrag zu vergeben.Hier könne er natürlich noch keine abschließende Beurteilung geben, sagt Neisen, doch einiges zeichne sich schon ab. So habe sich Boos tatsächlich nicht ins Amt des Bürgermeisters gedrängt, Gauleiter Wagner habe ihn eher "verhaftet". Auch habe Boos vereinzelt Verfolgten geholfen, auch Juden und Kommunisten. Andererseits sei die Personalpolitik klar von ideologischen Prämissen geprägt gewesen. Die Ausschaltung etwa des späteren Bürgermeisters Pfeffer, der damals Stadtrechnungsleiter war, spreche für ein hohes Maß an Skrupellosigkeit. Ein "geschöntes Bild" habe sicher der Entnazifizierungsprozess ergeben. Hier führte Boos’ Anwalt Entlastendes an, das Belastende ging in der Kürze der Zeit unter.
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War die Stadtverwaltung "eher Öl oder Sand im Getriebe"? So eine Gesamteinschätzung interessiert Neisen so sehr wie die, wie "braun" Lörrachs Bevölkerung wirklich war. Seinen bisherigen Erkenntnissen nach war "die innerliche Gleichschaltung nicht so weitreichend", wurde über den Bürgermeister und die Partei vielfach negativ gesprochen. Auch waren viele Jugendliche nicht in der Hitlerjugend, sondern blieben etwa ihren konfessionellen Jugendgruppen treu. Es machte sich bemerkbar, dass in Lörrach vor 1933 die Kommunisten und Sozialdemokraten stark waren – das "rote Lörrach" eben. Ein einig Volk von Widerständlern waren die Lörracher dennoch sicher nicht und Denunziation war Alltag. Auch hatte Boos, so Neisen, "überall seine Spitzel". Und: Die Beteiligung an den Auktionen, an denen das Eigentum der deportierten Juden versteigert wurde, war rege.
Das Thema Lörrach im Nationalsozialismus kann Robert Neisen im Rahmen des Forschungsauftags nicht in allen Verästelungen ausloten, er muss Schwerpunkte setzen. Einige Facetten sind schon fundiert beleuchtet – unter anderem durch zwei historische Abschlussarbeiten an der Universität Freiburg zu den Themen Judenverfolgung und Schulpolitik. Diese Arbeiten werden auch in die Publikation im Rahmen der "Lörracher Hefte" eingehen, in die Neisens Forschungen münden. Wichtig fände er auch, ein paar Industrieunternehmen näher anzuschauen.
Ende 2012 will er mit der Arbeit fertig sein, 2013 könnte der Band vorliegen. Bis dahin liegt noch ein "dichtes Programm" vor dem Historiker, das ihn auch nach Karlsruhe und Paris führen wird. In der französischen Hauptstadt liegen heute jene Unterlagen, die die Besatzer 1945 nach Colmar schafften, darunter Haftlisten. Viel substanzielles Material aber findet er in Lörrach und Freiburg, hier sei die Aktenlage ergiebig – wenn auch nicht zu allen Themen gleichermaßen. Zum Bereich Gesundheitspolitik, zu dem auch das Thema Euthanasie gehört, war die Aktenlage dünn. Da forscht der Wissenschaftler denn auch schon mal ins Leere – doch solche Frustmomente sind die Ausnahme. Es dominiert die Lust, sich der hochspannenden Aufgabe zu widmen.
Autor: Sabine Ehrentreich


