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16. Oktober 2010

WOCHENSCHAU: Zwei Pole

Wenn es um Bildung geht, ist Lörrach ein Musterknabe. Schon allein das Schülerforschungszentrum "phaenovum" würde ausreichen, einen besonderen Akzent in der Bildungslandschaft zu setzen (siehe Thema auf Seite 24). Was noch besser ist: Die neue Einrichtung lebt, sie ist weit mehr als ein Prestigeobjekt. Bereits gestern haben Fünft- und Sechsklässler den Neubau in Beschlag genommen und einen Kurs mit Experimenten begonnen. Grundschulklassen finden ebenfalls ihren Platz im "phaenovum", Ferienkurse werden auch künftig stattfinden, bei trinationalen Begegnungen wird der grenzüberschreitende Wirtschaftsraum auch für Jugendliche greifbar, Kontakte zwischen Schule und Hochschule werden geknüpft und natürlich forschen dort auch künftig Jugendliche auf Wettbewerbsniveau. Sicher: Das Schülerforschungszentrum bedient perfekt das glatte Image der Life-Science-Region. Und doch kann niemand der Schulstadt Lörrach Einseitigkeit vorwerfen. Schließlich wächst am anderen Ende des Campus das neue Gebäude für Kunst- und Musik in die Höhe. Auch dieser zweite Pol der Campus-Entwicklung will ab 2011 mit Leben gefüllt sein. Die ersten Überlegungen deuten jedoch darauf hin, dass auch von dieser Seite der alte Schulbegriff aufgeweitet wird.

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Das andere Ende

So wie sich auf dem Campus sozusagen die Sonnenseite der prosperierenden Region spiegelt, hat es die Pestalozzischule mit den Schattenseiten zu tun. Armut, Krankheit, traumatische Erfahrungen bei Flüchtlingsschicksalen, Verwerfungen in der traditionellen Familienstruktur bedingen, dass es auch Kinder gibt, die sich nicht mit Nanotechnik und Zellstrukturen befassen, die vielmehr froh sein müssen, wenn sie am Ende ihrer Schulzeit die einfachsten Dinge des Lebens eigenständig geregelt kriegen. Während die große Politik in Berlin für solche Zwecke den Bildungsgutschein diskutiert, versucht man an der kommunalen Basis mit Tatkraft für die Chancengleichheit zu arbeiten. Ein paar Zuschusstöpfe und viel Eigeninitiative sorgen dafür, dass der Alltag der Förderschule mit theaterpädagogischen Beiträgen bereichert wird. Sozusagen spielerisch bietet Tempus fugit im sonst eher kulturfernen Milieu zum Beispiel Verkaufstraining für die Schülerfirma, Benimmkurse vor dem Betriebspraktikum oder aber ein Kommunikationstraining für das freundlichere Miteinander.

Ein gutes Lob

Einsätze wie diese zeichnen Tempus fugit aus. Es geht dabei um den erstaunlichen Prozess, das uralte Kulturgut Theater für ganz alltägliche Erfahrungen neu zu entdecken und dabei Kunst und lebenspraktische Dinge in eine Wechselwirkung zu setzen. Die 40 000 Euro pro Jahr, mit denen die Stadt das Ensemble (vorübergehend?) fördert, sind gut angelegtes Geld. Und der Bürgerpreis für die Theaterleiterin Karin Maßen wird die Gruppe weiter ermutigen. Das, was vor ein paar Jahren noch als Subkultur gegolten hat, ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen – und müsste eigentlich viel selbstverständlicher unterstützt werden.

Autor: Willi Adam