Zerrieben zwischen zahllosen Interessen

Sabine Ehrentreich

Von Sabine Ehrentreich

Fr, 03. November 2017

Lörrach

Um Afghanistan ging es bei einer Veranstaltung von Painda GmbH und Schubert-Durand-Stiftung.

LÖRRACH. Wem gehört Afghanistan? Diese provokative Frage warf am Mittwochabend eine Veranstaltung der Painda GmbH und der Schubert-Durand-Stiftung auf, die den Burghof mühelos füllte. Unter den Gästen waren viele Afghanen, die in Lörrach und Umgebung leben, Mitglieder der Flüchtlingshilfe, Menschen, die in den 1970er Jahren an den Hindukusch gereist waren, aber auch viele, die einfach mehr wissen wollten über das Land, das seit Jahrzehnten nicht zur Ruhe kommt.

Den Abend eröffneten zwei Filme. "Träume wachsen in Afghanistan" hat der Österreicher Wilfried Stanzer Anfang der 1970er Jahre gedreht, als viele junge Leute aus dem Westen das Land bereisten – auf der Suche nach Ursprünglichkeit, aber vor allem nach dem leichten Zugang zu Drogen. Der zweite, kürzere Film mit dem Titel "Mein Afghanistan" ist von dem jungen TV-Journalisten Aslam Timur, der in der Schweiz in einer Unterkunft für Asylsuchende lebt. "Sein Afghanistan" ist das Land des Aufbruchs in die Moderne, das es vor dem Einmarsch der Russen war. Beide Filme zeigten Bilder, wie man sie seit langem aus dem Land am Hindukusch nicht mehr kennt: Unverschleierte Frauen in kurzen Röcken, moderne Bauten, Touristen und Einheimische, die sich ohne Angst in den Straßen bewegen. Beide Filme zeigten aber auch das große Spannungsfeld zwischen Teilen der städtischen Bevölkerung und der auf dem Land.

Die rhetorische Titelfrage wurde bei der anschließenden Podiumsdiskussion eindeutig beantwortet. Afghanistan gehört allein den Menschen, die dort leben. Freilich sind die Verhältnisse nicht so. Militärverbände aus 40 Ländern stünden derzeit im Land, hieß es. Würde man Afghanistan endlich sich selbst überlassen, würde das an Bodenschätzen reiche Land rasch erblühen, zeigte sich nicht nur Ahmad Painda überzeugt. Diese Auffassung blieb allerdings nicht unwidersprochen. Spannungen würden nicht nur von außen hereingetragen, es gebe sie auch innerhalb des Landes reichlich, sagte Winfried Stanzer. Dem pflichtete der Drogen- und Migrationsexperte Thomas Kessler bei. In Syrien sehe man, wie schreckliche Konflikte ohne unmittelbare Beteiligung Dritter aufbrechen. Inzwischen fechten dort wie in Afghanistan allerdings viele ihre Interessen aus, sei Afghanistan "zum Selbstbedienungsladen geworden", wie Moderator Willy Surbeck formulierte. Auf dem Podium saß auch Jonas Hoffmann, der kürzlich für die SPD um das Bundestagsmandat stritt. Er war 2010 für ein Jahr in Afghanistan und unterstützte Organisationen bei ihrer Aufbauarbeit. Die Einmischung nach 9/11 sei militärstrategisch ein Fehler gewesen, sagte er. Für das Machtvakuum, das entstanden sei, trüge Deutschland eine Mitverantwortung.

Mit der Veranstaltung verband Ahmad Painda, der 1973 zunächst nur zum Studium nach Deutschland eingereist war und dann blieb, einen Dank an Deutschland, Lörrach, Familie und Freunde. Das war der emotionalste Moment des Abends.