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02. März 2010
Zu allererst den Menschen sehen
Wanderausstellung "sichtlich mensch" an zwei zentralen Orten / Evangelische Stadtkirche und Glashaus präsentieren ein außergewöhnliches Fotoprojekt.
LÖRRACH. Neue Wege geht das Glashaus der Lebenshilfe gemeinsam mit Martin Abraham von der Stadtkirche, um die Wanderausstellung "sichtlich menschlich" als Einheit an zwei zentralen Lörracher Orten zeigen zu können. Deshalb war die Vernissage am Freitag auch erstmals zweiteilig.
Die auf Glashaus und evangelische Stadtkirche verteilten 80 großformatigen Porträts sind das beeindruckende Ergebnis eines außergewöhnlichen Fotoprojekts des Biberacher Fotografen Andreas Reiner. Mit seiner Fotoausrüstung hatte er im Jahr 2008 80 Frauen und Männer mit Behinderung sich gegenseitig porträtieren lassen. Statt Menschen mit Handicap die Sichtweise der "Normalen" aufzudrängen, die, wie Andreas Reiner meint, oft genug an der Realität vorbei geht, konnten hier die Beteiligten unter professioneller Anleitung ihre eigene ins Bild setzen und sich ohne großen Schnickschnack darstellen.Dass am Aufnahmeset eine ungezwungene Atmosphäre herrschte und damit die eigentliche Basis authentischer Porträtfotografie vorhanden war, beweisen sowohl die Ergebnisse als auch der Film über die Entstehung. Dem Gegenüber Vertrauen entgegenzubringen, war offensichtlich kein Problem, oft genug sind Fotograf und Modell Freunde. Helmut und Alex etwa, oder Dieter und Manni – die vier behinderten Teilnehmer des Fotoprojekts, die zur Vernissage mit nach Lörrach gekommen waren. "Nach einer lockeren Freundschaft von zehn Jahren haben wir bei einem Geburtstagsfest eine feste Freundschaft gegründet, die jetzt insgesamt 35 Jahre besteht – das ist eine lange Zeit", erzählte Helmut mit dem passenden Ernst, während Alex wie auf dem Porträtfoto wieder breit lächelte.
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Die ungeheure Lebensfreude, die dem Betrachter von den Porträts entgegenstrahlt überrascht, ebenso wie die Tatsache, dass man darauf erst einmal den Menschen erkennt, bevor man später die Situation der Behinderung entdeckt. Die Frauen und Männer geben sich ausgelassen, verschmitzt, kraftvoll, nachdenklich und selbstironisch. Der Betrachter wird animiert, Behinderte mit anderen Augen anzusehen.
"Zurückkommen und den Menschen sehen", formulierte Andreas Reiner im Glashaus. Helmut Ressel, als Geschäftsführer der Lebenshilfe, zeigte sich am Freitag begeistert davon, wie toll es bei "sichtlich mensch" gelungen sei, den Menschen in den Vordergrund zu rücken. Die Behinderung werde zum Randthema, was gut ins Glashaus passe. Dort gehe es schließlich um Inklusion, will heißen, dass alle Menschen in der Gesellschaft ihren Platz haben, ohne über ihre Besonderheit definiert zu werden.
Nach einem Spaziergang sahen die Besucher in der Stadtkirche einen kurzen Film, der den Verlauf des Shootings eindrücklich dokumentierte: Da wurde mit Lust und Spaß fotografiert, bis der Scheinwerfer qualmte. Die Bilder sollten unbedingt veröffentlicht werden, waren sich die Beteiligten einig: "Man darf ruhig merken, dass es uns gibt", sagt eine Frau im Film.
Pfarrer Martin Abraham stellte den Gästen zwei weitere Projekte vor, die im Laufe der Vorbereitung der Ausstellung entstanden sind: Diese Woche treffen sich Konfirmanden an der Stadtkirche mit Nutzern des Freizeitclubs der Lebenshilfe zu einem gegenseitigen Fotoshooting.
Zusammengeführt werden die entstandenen Porträts bei einer Ausstellung in der Alten Feuerwache. Außerdem nimmt der Pfarrer die Ausstellung zum Anlass, sich unter dem Motto "Sicht-Weisen" in seinen Predigten in der Passionszeit mit den verschiedenen Menschenbildern in der Bibel auseinanderzusetzen.
Autor: Barbara Ruda
