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13. August 2011
Ein besonderer Methusalem
BZ-SERIE (TEIL 10): In Niederweiler steht ein Exemplar des Holunders, das aus einem Dach wächst.
MARKGRÄFLERLAND. In Müllheim gibt es zwar keine Baumschutzsatzung, aber seltene und besonders alte Bäume wurden hier in einer Liste geschützter Naturdenkmale aufgenommen. Manche von ihnen sind einheimisch, andere kamen aus fernen Ländern ins Markgräflerland. Einige dieser Bäume, ihre Besonderheiten und – wenn sie bekannt ist – auch ihre Geschichte stellt die Badische Zeitung in einer Serie vor. Heute geht es um den Holunder.
Der Schwarze Holunder wird den meisten Lesern bekannt sein. Unser Augenmerk gilt einem besonderen Exemplar. Es ist nicht "amtlich" dokumentiert und in der Liste der Naturdenkmale aufgeführt – das wäre auch gar nicht sinnvoll –, gleichwohl handelt sich um einen höchst bemerkenswerten Baum. Er steht an der Lindenstraße in Niederweiler, am Gehöft der Familie Krafft/Herrmann. Krafft Senior erinnert sich, dass dieser Holunder bereits ein ansehnlicher Strauch war, als er selbst noch ein Kind war, und das ist immerhin gut 70 Jahre her. Höchstwahrscheinlich stand der Strauch sogar schon dort, als sein Vater im Jahre 1927 den Hof erwarb. Demnach wäre dieser Holunder mehr als 80 Jahre alt, und selbst ein Alter von knapp 100 Jahren kann man nicht ausschließen.Werbung
Schon ein flüchtiger Blick auf seine Stämme bestätigt jedenfalls, dass es sich hier um ein uraltes Exemplar handelt – weist doch jeder der beiden Stämme einen Umfang von eineinhalb Metern auf. Die Stämme sind knorrig und verwachsen, und die Tage des Holunders scheinen gezählt: Seine Stämme sind morsch und von Pilzen befallen, manche Zweige dürr, andere aber noch grün belaubt und voller Leben. Selbst Früchte trägt er noch, wenn auch nicht mehr so üppig, wie man es von jüngeren Holundersträuchern gewohnt ist.
Mit solch dicken Stämmen und einem so hohen Alter ist dieses Exemplar ein wahrer Methusalem unter den Holundern, erreichen diese doch sonst kaum einmal ein Alter von 50 Jahren. Meist sind sie dann hohl und brüchig, tragen kaum noch Früchte und werden gefällt, damit sie anderen Sträuchern, einer Rasenfläche oder einem Gebäude Platz machen.
Aber auch in dieser Hinsicht sind der alte Holunder in Niederweiler und sein fast ebenso alter Besitzer etwas Besonderes: Als vor etwa 20 Jahren genau an der Stelle, an der der Holunder steht, eine Garage gebaut wurde, stand der alte Holunder eigentlich der hinteren Mauer im Weg und hätte beseitigt werden müssen. Nicht so in diesem Fall: Der Holunder blieb stehen, und für seinen damals schon mächtigen, zweiteiligen Stamm wurde eine Aussparung im Dach geschaffen. So kommt es, dass der alte Holunder heute aus dem Dach der Garage herauswächst.
Der Schwarze Holunder als einheimische Gehölzart ist bei uns nicht selten. Er ist geradezu ein Kulturfolger, der hier in Europa schon seit Jahrtausenden vom Menschen genutzt und verbreitet wurde. In der Steinzeit nutzten ihn die Menschen, um Steinbeile herzustellen: Dazu wurde das weiche Mark in einem jungen Zweig entfernt, der ausgehöhlte Zweig mit feinem Sand gefüllt und unter leichtem Druck und schnellem Drehen auf den Stein gesetzt, den es zu bearbeiten galt. So fraß sich der Sand langsam tiefer in den Stein – nach vielen Stunden hatte man einige wenige Millimeter geschafft. Vermutlich war das eine Arbeit für lange Abende am Lagerfeuer. Auch damals wird der Holunder schon um die Lagerstätten der Menschen herum verbreitet worden sein.
Als die Menschen sesshaft wurden, den Wald rodeten und Viehzucht betrieben, fand der lichtbedürftige und nährstoffreiche Böden liebende, raschwüchsige Holunder um die Siedlungen herum günstige Bedingungen und wurde nun vielfältig genutzt. Aus den Blüten lässt sich mit Hilfe von Zucker oder – früher – Honig süßer Holundersirup gewinnen, oder die Blüten werden in Teig als Holunderpfannkuchen ausgebacken.
Insbesondere aber fanden und finden die tiefschwarzen, sehr saftigen Früchte Verwendung: zum Färben von Leder und Textilien, früher auch von Wein, und vor allem als Holundersaft. In Norddeutschland dient der Saft zur Herstellung der süßen Fliederbeersuppe, einem beliebten Nachtisch. Der Name Flieder oder Fliederbeere ist übrigens der alte norddeutsch-niederländische Name für dieses Gehölz, das hier im Süddeutschen nur als Holunder oder Holler bekannt ist. Erst mit der Einführung des Blütenflieders im 16. Jahrhundert wurde der alte Name auf dieses neue Gartengehölz übertragen.
Die Früchte enthalten im rohen Zustand geringe Mengen eines blausäurehaltigen Giftstoffs. Beim Kochen wird dieser zerstört, so dass der durch Erhitzen gewonnene Saft vollkommen ungiftig ist. Er ist reich an Vitamin C und ein altes beliebtes Hausmittel bei Erkältungen. Heutzutage gibt es spezielle Züchtungen mit großen saftreichen Früchten wie Haschberg, die in Hausgärten, aber auch industriell als Obstgehölz zur Saftgewinnung genutzt werden. Darüber hinaus gibt es Sorten mit wundervoll dunkelrot gefärbten oder fein geschlitzten Blättern wie Black Lace, die als anspruchslose Ziergehölze gepflanzt werden.
Der wissenschaftliche Name des Schwarzen Holunders lautet Sambucus nigra. Der erste Teil des Namens ist altrömischer Herkunft und damit ein weiterer Hinweis auf die lange Kulturgeschichte dieses Gehölzes. Der zweite Teil stammt ebenfalls aus dem Lateinischen und bedeutet nichts anderes als schwarz.
Die Gattung Sambucus ist mit insgesamt über 30 weiteren Arten auf allen Kontinenten (mit Ausnahme der Antarktis) vertreten und damit praktisch beinahe weltweit verbreitet. In Mitteleuropa und auch hier bei uns in Baden kommen insgesamt drei Arten Holunder vor: Außer dem Schwarzen Holunder noch der Zwergholunder oder Attich (Sambucus ebulus) sowie der Rote oder Traubenholunder (Sambucus racemosa).
Der Zwergholunder ist kein Gehölz, sondern eine nur etwa ein Meter hohe Staude, deren oberirdische Triebe im Herbst alljährlich absterben. Man findet ihn in der Rheinebene gelegentlich an Straßenböschungen und an Waldrändern. Blätter und Früchte ähneln ein wenig denen des Schwarzen Holunders, riechen aber widerlich und sind giftig – auch die Früchte nach dem Erhitzen. Der Rote Holunder hingegen ist wie der Schwarze ein mittelgroßer Strauch. Er kommt kaum einmal in der Rheinebene vor, ist dafür aber in höheren Berglagen verbreitet. Seine roten Früchte können, wenn man die schwach giftigen Kerne daraus entfernt, ebenso wie die des Schwarzen Holunders zu Marmelade verarbeitet werden.
Tel. 07631/1806-5420 oder per E-Mail unter redaktion.muellheim@badische-zeitung.de melden.
Autor: Jens-Uwe Voss
