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24. Februar 2009
Kein Narri und kein Narro
Die melancholischen Masken des aus Staufen stammenden Fotografen Axel Hoedt.
Still und starr steht der Narr. Der Mund geschlossen, den Blick in die Ferne. Kein Narri, kein Narro, kein Toben und kein Tanzen – selten sahen Hästräger so teilnahmslos aus. Frohsinn? Fehlanzeige. Es ist ein krasser Bruch mit der handelsüblichen Bildsprache der Fastnacht, den der gebürtige Staufener und Wahl-Londoner Axel Hoedt in seinen Fotos zeigt.
Normalerweise werden Narren in Aktion fotografiert, in wilden Luftsprüngen, mit schräggelegtem Kopf, mit Massen von Zuschauern im Hintergrund und, im Optimalfall, jahrhundertealtem Fachwerk. Hoedt fotografiert vor weißer Leinwand, Wellblechgaragen und hässlichen 70er-Jahre-Bausünden. Er macht es einem nicht leicht, einen roten Faden zu erkennen – was seinem Zyklus fehlt, ist eine einheitliche Handschrift. Einige Fotos haben leuchtende Farben und sind gestochen scharf, andere sind verschwommen und wirken flau, als ob Hoedt durch eine Nebelbank fotografiert hätte. Ein Teil der Bilder ist unter Studiobedingungen entstanden, ein anderer Teil on location. Großformatprints wechseln sich ab mit Polaroids, Detailfotos sind ebenso dabei wie Ganzkörperaufnahmen – und Fotos, auf denen nichts zu sehen ist außer einer leeren Halle mit ein paar bunten Tüchern an der Decke.
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Drei Wochen war Axel Hoedt im letzten Winter in Südwestdeutschland unterwegs, hat Endinger Jokili und Singener Fellbären fotografiert, Wolfacher Hahnenreiter und Empfinger Strohbären. Es sind Porträts, aber was für Porträts? Von Menschen? Von Masken? Oder von Menschen in Masken? Andererseits: Ist ein Porträt von jemanden, der sich verhüllt, überhaupt ein Porträt?
Der 42-jährige Hoedt fotografiert normalerweise Mode und Werbung; nach seinem Fotografie-Studium in Bielefeld zog er vor zehn Jahren nach London. Fastnacht war ihm nie so richtig geheuer – als Kind war ein Indianerkostüm das höchste aller Gefühle. Der Rest ging ihm damals ziemlich auf den Geist: Er mochte das organisierte Brauchtum nicht, er mochte die Besoffenen nicht. Dann wurde er älter, verliebte sich in eine Modedesignerin und fuhr mit ihr nach Staufen. Die beiden stießen auf ein altes Buch über Fastnacht, und irgendwann sagte seine Freundin zu ihm: Das Zeug sieht ja echt irre aus.
Er fing an sich zu begeistern. Von London aus recherchierte er und machte Termine für seine Fotoshootings aus. Viele Zünfte wollten mitmachen, andere wollten nicht. Eine Frage wurde ihm ganz oft gestellt: Wieso machen Sie das? Sie wollen doch sicher Geld, oder? Das nicht, einerseits, aber andererseits konnte Hoedt auch keinen Cent Modelhonorar bezahlen. Sein Projekt war ohnehin teuer genug: Flug aus London, Mietwagen, Assistent, Filmmaterial, Hotelübernachtungen – eine Menge Geld dafür, dass er noch nicht so richtig wusste, ob er für seine Fotos überhaupt Käufer finden würde.
"Ich bin immer der Nase nach", sagt er, "die Fotoserie hat schon einen leicht wirren Ansatz, es gibt keine klare Linie." Viele Leute, denen er seine Fotos bisher gezeigt hat, hielten sie vor allem für eines: Ganz schön düster. "Stimmt eigentlich schon", sagt Hoedt, "aber es ist halt ’ne persönliche Story – wieso soll ich die Bilder eines anderen fotografieren?" Dieser subjektive Ansatz ist Stärke und Schwäche zugleich. Stärke, weil Fastnacht noch nie so fotografiert wurde und die Masken und Kostüme durch seine eindeutig der modernen Modefotografie entlehnte Bildsprache eine Menge Details offenbaren, die man sonst gerne übersieht. Schwäche, weil sein Ansatz einfach zu beliebig ist: Was hat die (perfekt ausgeleuchtete) Drahtmaske eines Endinger Altnarren auf weißer Leinwand mit dem Polaroid eines Singener Fellbären zu tun, der mit hängenden Schultern im Garten hinter dem Haus steht? "Es ist primär ein Foto-", sagt Hoedt, "und kein Fastnachtsprojekt." Er will nichts dokumentieren, er will zeigen, was er sieht. Er ist kein Volkskundler, er ist Fotograf. Modefotograf, um genau zu sein. Und es ist kein Zufall, dass er sich genau in dieser Funktion der Fastnacht annimmt – für ihn gibt es da sogar eine Verbindung. "Der Aufwand bei so einer Fastnachtsfigur", sagt er, "ist vom Zeitlichen her durchaus mit einem Couturedress zu vergleichen." Großer Unterschied: Couture lässt sich besser verkaufen. Zur Zeit versucht Hoedt, ein Buch auf den Markt zu bringen – und hat mit jeder Menge Widerstand zu kämpfen. Wir sind ein internationaler Kunstverlag, heißt es dann, mit Fastnacht haben wir nichts am Hut. Ganz oft erklärt man ihm, seine Fotos würden nicht ins Verlagsprogramm passen. Ein Lektor aus New York meinte, es sei das Großartigste, was er seit langem gesehen hatte – für seinen Verlag aber zu speziell. "Und viele", erzählt Hoedt, "haben gesagt, sie wären geschockt, dass es so etwas in Zentraleuropa überhaupt noch gibt."
Immerhin: Langsam läuft es an. "Das ist wichtig", sagt er. "Die Leute, die ich fotografiert habe, haben viel Zeit in mich investiert. Die wollen jetzt natürlich auch was sehen." Am Donnerstag erst erschienen im Magazin der Wochenzeitung Die Zeit acht Seiten mit Hoedts melancholischen Masken. Das renommierte New Yorker Fotokunstmagazin Aperture hat auch schon Interesse signalisiert. Auch in Sachen Vermarktung ist die größte Schwäche des Projektes die größte Stärke: Von England oder den USA aus betrachtet, sagt Hoedt, sei die ganze Fastnachtsache schon "extrem exotisch".
Autor: Patrik Müller
