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30. April 2011
Weiße Flügel für die Blüten
BZ-SERIE (TEIL 3): Von Taschentüchern und weißen Tauben.
MÜLLHEIM. In Müllheim gibt es zwar keine Baumschutzsatzung, aber seltene und besonders alte Bäume wurden hier in einer Liste geschützter Naturdenkmale aufgenommen. Manche von ihnen sind einheimisch, andere kamen aus fernen Ländern ins Markgräflerland. Einige dieser Bäume, ihre Besonderheiten und – wenn sie bekannt ist – auch ihre Geschichte stellt die Badische Zeitung in einer Serie vor. Heute geht es um die seltenen Taubenbäume.
Wer in diesen Tagen aufmerksam durch den Kurpark in Badenweiler, aber auch durch Müllheim geht, hat die Chance, einen der seltensten und bemerkenswertesten Bäume in Blüte zu entdecken – einen Baum, der erst vor etwa hundert Jahren aus China den Weg nach Europa fand: der Taschentuch- oder Taubenbaum.Mindestens so unvergesslich wie der Anblick eines blühenden Baumes ist seine Entdeckungsgeschichte. Im 19. Jahrhundert war das riesige chinesische Reich ein verschlossenes Land, das sich nur zögernd der westlichen Welt öffnete. Zu den ersten Reisenden gehörten französische Missionare, unter ihnen Pierre Armand David, ein Pater, der großes Interesse an der chinesischen Natur entwickelte und ab 1862 auf seinen Streifzügen durchs Land zu Fuß eine Entfernung bewältigte, die der von Moskau nach Peking entsprochen haben soll. Er war der erste Europäer, der den Großen Pandabären sah und – verbotenerweise – den Davidshirsch, der im streng bewachten kaiserlichen Park in Peking überlebt hatte. Und er war der erste Europäer, der um 1870 einen Taschentuchbaum sah, beschrieb und keimfähige Samen nach Europa schicken wollte. Leider ging es bei einer Schiffshavarie verloren.
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Dreißig Jahre später, im April 1899, machte sich ein englischer Pflanzensammler auf den Weg, um nach diesem Baum zu suchen. Über Nordamerika reisend traf er Anfang Juni in Hongkong ein. Erst nach einem Umweg über Hanoi im Norden Vietnams, mehreren Unterbrechungen der Reise und immer neuen Schwierigkeiten, die Beulenpest, glühende Hitze, Sprachprobleme und Aufstände mit sich brachten, erreichte er Wochen später als geplant sein Ziel, einen abgelegenen Ort in der südwestchinesischen Provinz Yunnan. Dort wartete sein Informant: Augustine Henry, ein anderer Kenner der chinesischen Pflanzenwelt.
Er verfügte über eine Karte, auf der der Standort eines einzelnen Taubenbaums verzeichnet sein sollte. Leider entpuppte sich die Karte, die Wilson zur Reise bewegt hatte, als halb vergammeltes Stück Papier, auf dem ein Gebiet von der Größe Niedersachsens eingezeichnet war, darin grob markiert ein Standort des begehrten Baums. Wilson ließ sich nicht abschrecken: Ausgestattet mit umfangreichen Mitteln seines Auftraggebers Veitch, der damals größten Baumschule der Welt, brach er im April 1900 zur Expedition auf. Ende des Monats erreichte er ein völlig abgelegenes Gebiet, wo laut Karte der gesuchte Baum zu finden sein sollte.
Am 25. April 1900 hatte er sein Ziel erreicht: Nach einem Jahr und 21 000 Kilometern per Schiff, zu Fuß und in Sänften stand er vor dem Stumpf eines Taubenbaums, der kurz zuvor für den Bau eines Hauses gefällt worden war. "In dieser Nacht", notierte Wilson in seinem Tagebuch, "fand ich keinen Schlaf". Wieder gab er nicht auf. Niedergeschlagen, aber unermüdlich durchsuchte er die Wälder der Umgebung. Er fand eine Kletterpflanze mit essbaren Früchten (Actinidia chinensis, heute als "Kiwi" bekannt). Endlich, am 19. Mai, stand er vor einem blühenden Exemplar des gesuchten Baums und notierte euphorisch: "Dies ist der interessanteste und schönste aller Bäume der gemäßigten nördlichen Breiten… Die Blüten und die dazu gehörigen Tragblätter hängen an langen Stielen und gleichen, wenn der leiseste Windhauch hindurch streicht, riesigen weißen Schmetterlingen." Spätere Bewunderer fühlten sich eher an die Flügel weißer Tauben oder, etwas profaner, aber durchaus treffend, an weiße Taschentücher erinnert.
Wilson kehrte im April 1902 mit Saat von diesem und anderen Bäumen nach England zurück. Dort musste er erfahren, dass der Triumph, den höchst begehrten Baum nach Europa eingeführt zu haben, einem anderen vergönnt war: Paul Farges, einem Franzosen. Dieser war schon 1897 aus China mit Saat nach Paris zurückgekehrt, und in den Folgejahren war ein einziger Samen gekeimt. Wilson war somit nicht der erste, aber er brachte nun so viel Saatgut mit, dass jetzt Tausende von Pflanzen herangezogen und verkauft werden konnten. Als hätte es nicht bereits genügend Aufregung um diesen Baum gegeben, stellte sich auch noch heraus, dass die Bäume in Westeuropa zwar willig heranwuchsen, sich aber standhaft weigerten, Blüten anzusetzen. Heute weiß man, dass es fast zwanzig Jahre dauert, bis ein aus Samen gezogener Taubenbaum das erste Mal blüht.
Lohnt sich das Warten? Davon mag sich jeder selbst überzeugen. Jetzt, Ende April, besteht dazu die Gelegenheit: Ein schon etwas größerer, aber längst noch nicht ausgewachsener Baum blüht derzeit im Kurpark in Badenweiler. In der Krone hängen zwischen den frischgrünen Blättern, die ein wenig an die der Linde erinnern, Aberhunderte von Blüten. Jeder einzelne kugelförmige, etwa zwei Zentimeter große Blütenstand ist von zwei weißen Hochblättern eingerahmt – eines etwas größer als das andere – die von fern tatsächlich an Taubenflügel oder Schmetterlinge erinnern. In Müllheim findet man einen kleineren, blühenden Baum zwischen Hebelstraße und Eichwald und einen jungen, 2007 gepflanzten Baum, der das erste Mal blüht, im Pfunderpark.
Der Taubenbaum (Davidia involucrata) kommt nur im Südwesten Chinas vor, wo er in artenreichen Mischwäldern mit zahlreichen anderen Baumarten bis in höhere Berglagen wächst. Er gedeiht im Markgräfler Klima problemlos, bleibt von Schädlingen verschont und ist mit reichlich zehn Meter Endhöhe einer der schönsten Bäume für Parks und große Gärten. Wer einmal vor einem blühenden Taubenbaum gestanden hat, wird diesen Anblick kaum vergessen.
Autor: Jens-Uwe Voss
