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30. Oktober 2008

Auszeit für eine Neu-Orientierung

Wenn alles aus den Fugen ist

14 Jugendliche zwischen 12 und fast 17 Jahren leben derzeit im Haus, acht Jungen und sechs Mädchen. „Nicht jeder Jugendliche passt hier rein“, sagt Daniel Götte vom Jugendhilfeprpoojekt "Time Out". Nur, wer selber zustimmt, wird aufgenommen, „sonst hat es überhaupt keinen Sinn. Was auf die Jugendlichen zukommt, ist nicht ohne.“

BREITNAU. Vor fünf Jahren wurde auf Initiative von Angela und Daniel Götte "Time Out" gegründet, ein Ort, der gestrauchelte Jugendliche auffängt und ihnen hilft, zu Selbstvertrauen und einem eigenverantwortlichen Leben zu finden. Das Konzept vereint einen strengen Tagesablauf, körperliche Arbeit, wenig Schule, Abstand von modernen Medien und vieles mehr. Viele machen am Ende einen Schulabschluss oder bekommen eine Lehrstelle. Geschäfts führer Daniel Götte erzählt, wie die Jugendlichen auf der Nessellache leben.

"Time Out", eine Auszeit, sollen Jugendliche in der Abgeschiedenheit erhalten, um aus dem fatalen Kreislauf von instabilen Familienverhältnissen, falschen Freunden, Schulverweigerung, Kriminalität, Alkohol und Drogen herauszufinden und sich neu zu orientieren.

14 Jugendliche zwischen 12 und fast 17 Jahren leben derzeit im Haus, acht Jungen und sechs Mädchen. "Nicht jeder Jugendliche passt hier rein", sagt Götte, nur, wer selber zustimmt, wird aufgenommen, "sonst hat es überhaupt keinen Sinn. Was auf die Jugendlichen zukommt, ist nicht ohne." Manche halten es tatsächlich nicht aus. Handy, Fernseher und Computer sind verboten, es gibt für manche "zu viel Natur, zu wenig Elektronik, zu wenig Beton, zu wenig Gangster".

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Besonders hart ist für viele der strikte Tagesablauf. Um kurz vor 6 Uhr wird aufgestanden, eine Gruppe geht melken, die andere richtet das Frühstück. "Wir haben kein hauswirtschaftliches Personal, wir machen alles zusammen": Kochen, Putzen, Wäsche waschen, Reparaturen, Umbauten und Renovierungen, Arbeiten in Land- und Forstwirtschaft. Vor kurzem haben die Jugendlichen eine Dusche ausgebaut, jetzt ist das Klo dran. Sie helfen beim Ausbau der Mitarbeiterwohnungen und demnächst beim Ausbau der Scheune. Von Mai bis September 2007 haben sie eine kleine Kapelle gebaut, und zwar mit Holz, das sie selbst im Wald geschlagen haben. "Es ist ganz wichtig, dass die Arbeitsabläufe transparent gemacht werden", dass etwas von A bis Z selbst hergestellt wird, damit Zusammenhänge deutlich werden. "Die Welt ist heute so zergliedert, manche denken doch, der Joghurt wächst im Milchregal."

Und was ist mit der Schule? "Das ist ein bissle der Trick", sagt Götte schmunzelnd: "Wir sagen den Jugendlichen, sie dürften gar nicht in die Schule." Während der ersten drei Monate haben sie überhaupt keinen Unterricht, danach einzeln oder in der Gruppe im Haus und erst später, und das auch nicht alle, in der Schule in Hinterzarten. Den Hauptschulabschluss können sie frei von staatlichen Terminen im Haus machen. Auch ohne Schule lernen die Jugendlichen, denn der Stoff wird in der Praxis quasi nebenbei vermittelt. So eignet sich etwa das Reparieren von Autos hervorragend zum Physikunterricht. Und die Hebelwirkung versteht einfach besser, wer selber mit einem Geißfuß Nägel aus der Wand gezogen hat.

"Die meisten

schaffen es,

den Hebel umzulegen."

Geschäftsführer Daniel Götte zu den Perspektiven der Jugendlichen
Die Jugendlichen kommen aus ganz Deutschland, etwa die Hälfte davon aus dem Landkreis und der Stadt Freiburg. Bezahlt wird die Auszeit vom Jugendamt und anteilig nach Einkommen von den Eltern. Im Schnitt bleiben sie 13 Monate, manche mehr, manche weniger. Ein Mädchen war dreieinhalb Jahre da. "Es ist davon abhängig, wann wir das Gefühl haben, die sind stabil genug", erklärt Götte.

"Wir", das ist ein Team aus 20 Betreuern, von denen zehn fast ständig da sind und teils im Haus oder nebenan wohnen. Sie haben Berufe wie Lehrer, Erzieher, Sozialpädagoge, Sozialarbeiter, Heilerziehungspfleger, aber auch Landwirt. Zudem schaut regelmäßig ein Kinder- und Jugendpsychiater vorbei. Einmal vorstellen muss sich jeder bei ihm, weitere Gespräche sind freiwillig. "Es ist wichtig, dass man auch einen Blick von außen hat." Die meisten der Jugendlichen sind Schulverweigerer, wobei die Schwierigkeiten in der Schule meist ein Symptom tiefer gehender Probleme sind.

Damit die Jugendlichen trotzdem Chancen auf dem Arbeitsmarkt haben und ihre Zukunft selber in die Hand nehmen können, bahnt das "Time Out"-Team mögliche Ausbildungswege lange an. Nach einem halben Jahr Aufenthaltszeit werden die ersten Praktika zur Orientierung gemacht. "Sie sind unterschiedlich begabt, manche sind schnell, manche langsamer." Einige sind sogar hochbegabt, was die Sache nicht unbedingt leichter macht. Ausgang haben die Jugend lichen auch, "so lange sie sich an die Abmachungen halten". Sie gehen gern nach Freiburg ins Kino oder an den Baggersee, können ihre Familie und Freunde besuchen oder einkaufen gehen. "Wenn sie beweisen, dass sie zuverlässig sind, öffnen sich mehr Türen. Sonst sind die Türen schnell zu."

Drogen, Zigaretten und Alkohol sind verboten. Bevor ein Jugendlicher aufgenommen wird, wird geprüft, inwieweit er abhängig ist und ob das Team das Problem bewältigen kann. Teils erhalten sie die Auflage, zuerst einen Entzug zu machen. Auch vor Ort werden sie regelmäßig kontrolliert. "Die meisten schaffen es, den Hebel umzulegen." Wer nicht, wird vor die Wahl gestellt, ob er das Problem ernsthaft anpacken und bleiben oder lieber gehen will. Einige Jugendliche waren schon in geschlossenen psychiatrischen Einrichtungen. "Time Out" dagegen vermittelt "ganz bewusst den Eindruck einer nichttherapeutischen Einrichtung", sagt Götte. Sie werden angenommen, wie sie sind, und gemeinsam wird eine Form des Umgangs gesucht, wie man miteinander klarkommt. So werden Essgestörte nicht beim Essen beobachtet, und wer mit der Diagnose ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-und Hyperaktivitätssyndrom) ankommt, darf sich erstmal in Wald und Wiese auszappeln, so dass jahrelang geschluckte Medikamente meist überflüssig werden. Stadtkinder erleben viele Sinneseindrücke neu oder zum ersten Mal, "die saugen die auf".

In dieser warmen, wohlwollenden Atmosphäre können sich die Jugendlichen positiv entwickeln und krankmachende Ursachen ausschalten. In vielen Fällen geht das Konzept auf: Seit der Gründung von "Time Out" haben 26 Jugendliche den Hauptschulabschluss gemacht, viele haben einen Ausbildungsplatz gefunden.

Autor: Von Alexandra Wehrle und Beat Winterhalder