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27. November 2013

Stadtgeschichte

Bombenangriff im November 1944 - "In allen Ecken hockt das Grauen"

Der Angriff vom 27. November 1944 hat die Stadt und ihre Bewohner für immer gezeichnet.

  1. Die Schäden in den einzelnen Stadtgebieten macht diese Grafik deutlich. Schwarze Flächen: Zerstört. Blaue Flächen: Beschädigt. Die Karte hängt im Stadtarchiv Freiburg Foto: Ingo Schneider

Wer es schaffte, den Trümmern zu entkommen, suchte als Erstes den Horizont ab, um das Wahrzeichen Freiburgs auszumachen. Der stehen gebliebene Münsterturm gab vielen Menschen Hoffnung. Wer könnte das besser ausdrücken als eine unmittelbare Augenzeugin? "Mit tiefer Dankbarkeit sahen wir, dass das Münster wie durch ein Wunder dieses Inferno überlebt hatte." (Margot Jonas).

In den Stadtteilen dagegen gab es viele kleine "Münstertürme", die plötzlich fehlten. "Wo aber war unsere Lutherkirche?" (Heinz Striby). In der Neuburg, die nach 23 Minuten Bombardement das Bild einer monatelangen Beschießung bot, waren die meisten Todesopfer zu beklagen. Die endlosen Listen mit den Namen der Opfer weisen in diesem Stadtteil allein 968 Tote aus. Hiervon konnten 154 Personen bis heute nicht geborgen werden – eine Quote von 16 Prozent. Für die Altstadt liegt dieser Prozentsatz noch höher, nämlich bei 20 Prozent.

Noch immer

gibt es Vermisste

Auffallend ist, dass im weit vom Zentrum liegenden Betzenhausen von 18 Prozent nicht geborgenen Toten auszugehen ist. Im Stühlinger dagegen, der mit 468 Opfern schlimm getroffen wurde, blieben nur 3 Prozent aller Getöteten unter den Trümmern. Für die Gesamtstadt liegt diese Zahl – bezogen auf alle im Zweiten Weltkrieg bei Luftangriffen Getöteten – bei 15 Prozent. Da noch immer Personen seit jener Zeit vermisst werden und nicht alle Angaben vollständig sind, handelt es sich bei diesen Zahlen um Schätzungen.

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Warum aber verrichteten die Bomben in manchen Stadtteilen so erbarmungslos ihr Werk, während Haslach und Günterstal fast völlig ungeschoren davonkamen? Da der erste Zielpunkt des Angriffs im Bereich Adolf-Hitler-Straße (jetzt Habsburger-)/ Bernhardstraße angesetzt war, traf es Neuburg besonders hart. Ein zweiter Zielpunkt befand sich in der nahen Albertstraße.

Strategisch wichtige Verbindungen galt es in der Nordstadt nicht zu treffen – durch "Moral Bombing" sollte die Zivilbevölkerung getroffen werden. Denn in diesem Viertel befanden sich mehrere Krankenhäuser, wobei die Hals-Nasen-Ohren-Klinik in der Albertstraße mit über 100 Toten in der Nacht von 27. November 1944 einen traurigen Rekord hält.

Ein Zerstörungsgrad von 78,6 Prozent spricht Bände – kein einziges Gebäude in der Neuburg hat die Schreckensnacht unversehrt überstanden. Und hinter jeder Zahl steht ein Menschenleben; jede Ziffer birgt ein Schicksal. Die benachbarte Altstadt hatte einen Ausfall von über 45 Prozent aller Gebäude zu verkraften.

Die Bahnlinie, die Altstadt und Stühlinger trennt, war eines der Hauptziele der Bomber. Ein tragisches Schicksal unter vielen ist das der Familie des früheren Stadtrats und Bundestagsabgeordneten Hermann Kopf: Aus Furcht vor Bombenabwurf in Bahnhofsnähe ging die Familie jeden Abend zu Verwandten nach Herdern, in das Haus Längenhardstraße 16. Doch am 27. November 1944 wurde dieses Gebäude total zerstört. Sieben Menschen starben , darunter die hochschwangere Ehefrau von Hermann Kopf sowie seine sechs und sieben Jahre alten Kinder. Ursula Kopf (86), die zweite Frau des Witwers, welche die Getöteten gut gekannt hat, sagt erschüttert über diese Nacht: "Des Einen Tod ist des Anderen Leben." Inmitten einer Trümmerwüste in Bahnhofsnähe überstand das Haus Kopf den Angriff. Die Bahnhofstraße 16 (heute Bismarckallee 16) steht noch immer, umgeben von Neubauten.

Warum der militärisch wenig bedeutsame Stadtteil Betzenhausen so stark zerstört wurde, darüber gibt es nur Theorien. Die Zeitzeugen Willy Kapp (80), Franz Keller (81) und Erich Weissenberger (83) vermuten, dass der Wind die von den Fliegern gesetzten Markierungen verweht habe. Nach einem Bericht des damaligen Freiburger Polizeipräsidenten erfolgte der Angriff zudem aus westlicher Richtung.

Hohe Opferzahlen gibt es auch für die Mooswaldsiedlung (damals als Freiburg-West bezeichnet). Hier wurde die unmittelbare Nähe zum (inzwischen verlegten) Flugplatz zum Verhängnis. Da mit dem Voralarm schon die ersten Bomben krachten, schafften es viele nicht, sich rechtzeitig in Sicherheit zu bringen. Der Zeitzeuge Hans Kraske stellte fest: "Die prächtige Luftschutzorganisation erstarb mit einem jämmerlichen Klagelaut, der an ein getroffenes Wild erinnerte."

Und wenn am morgigen Tag der schlagzeilenträchtige Komet Ison nah an der Sonne vorbeizieht, wird sich kaum jemand an den Namen des Masterbombers T. E. Ison erinnern, der vor 69 Jahren um 19.37 Uhr mit seinem Geschwader am Freiburger Nachthimmel auftauchte. Als er zusammen mit den anderen Maschinen wieder abdrehte, hatte die Stadt ihr Gesicht verloren – und fast 2800 Menschen ihr Leben.

Das Wiedersehen mit seinem zerstörten Elternhaus beschreibt ein Junge in einem Schulaufsatz so: "Zwischen verkohlten Balken und alten Trümmern wuchert Hahnenfuß. Hier war meine Heimat gewesen. Alles ist vorbei. Über Schmutz, verbogene Eisenstangen und alte Glassplitter dringe ich in die öde Ruine ein. Spinnweben hängen in großen Gardinen von den rostigen Eisenträgern herab. Die Decke hängt wie ein schwerer, schwarzer Vorhang herunter. In allen Ecken hockt das Grauen. Auf einem Dreckhaufen liegt unsere alte Uhr. Ihre stummen Zeiger stehen auf halb eins. Der Krieg hat uns ins Unglück gestürzt. Mein Vater liegt in fremder Erde. Warum? Die stumme Frage trifft mich aus allen Winkeln der toten Räume."

DIE ZERSTÖRUNG

Die Angriffe im Zweiten Weltkrieg beschädigten beziehungsweise vernichteten in der Gesamtstadt 89,7 Prozent aller Wohnhäuser, 88 Prozent aller Gebäude für Handel und Gewerbe sowie 75 Prozent der Industriebauten.

Ferner waren 84,2 Prozent aller Kirchen und zu religiösen Zwecken genutzten Anwesen betroffen. 77,6 Prozent der landwirtschaftlichen Gebäude sowie 86,7 Prozent aller öffentlichen Einrichtungen waren ganz oder teilweise zerstört. Nur 11,5 Prozent aller Gebäude blieben unbeschädigt.  

Autor: Carola Schark