Ein Experiment auf drei Quadratmetern

Brigitte Rohm

Von Brigitte Rohm

Mo, 27. Februar 2017

Theater

Das neu gegründete Freiburger Theater Spielzimmer verwandelt private Wohnzimmer in eine Bühne / Gespielt wird "Stiller".

Nein, es ist nicht der Pizzabote, der an der Haustür klingelt – an diesem Abend wird Theater frei Haus geliefert. Die neu gegründete, vierköpfige Gruppe "Theater Spielzimmer" kann für private Aufführungen gebucht werden. Für die Premiere hätte sich das Ensemble um Michael Barop, freier Schauspieler und Initiator des Projekts, keine schönere Kulisse wünschen können: Die heutigen Gastgeber wollten unbedingt, dass das Debüt in ihrer charmanten Altbau-Wohnung in der Freiburger Wiehre stattfindet.

Bei der Begrüßung sind alle Beteiligten noch ein wenig befangen, die Situation ist ungewohnt. Doch für Nervosität bleibt kaum Zeit: Der Ablauf muss besprochen, Requisiten gesucht, das Licht getestet, die "Bühne" vorbereitet werden. Viel braucht es dazu allerdings nicht: Zwei Stühle bilden das zentrale Element der Inszenierung von Max Frischs "Stiller".

In einer heißen Augustwoche verwandelte Helena Barop, die auch Regie führt, den Roman über Identität in ein Theaterskript, das speziell in Wohnzimmern funktionieren soll. "Man braucht keine Höhle, um sich eine Höhle vorzustellen", sagt sie. "Räume macht man in den Köpfen der Leute." Letztere haben sich derweil in der Küche bei Wein und Käse eingefunden. Der Hausherr scherzt: "Das Stück hat Überlänge und in der zweiten Pause wird warmes Essen serviert." Nach und nach nehmen die rund 25 Gäste auf den Polstermöbeln Platz.

Dann stürmen die Schauspieler durch die Zimmertür, Dielen quietschen, das Publikum tauscht Blicke. Mit starker Präsenz spielt Michael Barop den mysteriösen Mister White, der für den Bildhauer Anatol Stiller gehalten wird. Stillers Frau Julika, eine ehemalige Balletttänzerin, wird dank Christina Schlögls Darstellung zu einer hinreißend zerbrechlichen und komplexen Figur. Für die komischen Momente sorgt Lukas Diestel: Er schlüpft mit wechselnden Accessoires in die Rollen vom Fahrgast, Kommissar, Staatsanwalt oder dem Gefängniswärter, der begierig Stillers Geschichten lauscht.

Auch die Zuschauer lassen sich bis zum Ende fesseln. Nach der 70-minütigen Aufführung herrscht einstimmig Begeisterung: "Ich war total erstaunt, welche Räume in einem mir selbst bekannten Raum entstehen können", sagt der Gastgeber. Ein Besucher findet, das Projekt lebe von der Nähe zum Publikum: "Man sieht das Glänzen in Christinas Augen, man hört das Atmen und sieht kleinste Bewegungen." Mit dem Konzept habe die Gruppe eine tolle Nische gefunden.

Die Idee dazu hatte Michael Barop bereits vor fünf Jahren. Nun hat er seinen Traum endlich wahr gemacht und investiert seit Herbst 2016 viel Energie in das Theater Spielzimmer: "Wir stemmen alles als Viererteam und sind so etwas wie ein künstlerisches Produktionsbüro", so Michael Barop. Derzeit testet das Ensemble noch verschiedene Preismodelle wie Pay After oder einen Fixpreis. Und es plant schon die Sommerproduktion – einen Lyrikabend, der private Gärten zur Spielwiese machen soll.

Für die Schauspieler hat sich die Arbeit gelohnt. Die heutige Erfahrung war so positiv wie intensiv: "Die Leute haben sich wirklich darauf eingelassen, dass wir hier zusammen auf drei Quadratmetern Theater machen", sagt Christina Schlögl. Lukas Diestel ist vom Vertrauensvorschuss der Gastgeber überwältigt, die ihre Freunde eingeladen haben, obwohl sie nicht wussten, was sie erwarten würde. "Es ist und bleibt ein großes Experiment für alle Seiten", ergänzt Michael Barop.

Wer das Wagnis selbst eingehen möchte, kann eine Aufführung von "Stiller" über die Website buchen. Für zehn weitere Termine wurde das Theater bereits engagiert und ist besonders auf einen Auftritt in Basel gespannt: Dort besteht das Gastgeberpaar aus einem Bildhauer und einer Tänzerin – wie im Stück. Die Grenze zwischen Wirklichkeit und Theater ist manchmal fließend.