Abschied

Der letzte Teller Nudelsuppe im "Lamm" in Freiamt

Benedikt Sommer

Von Benedikt Sommer

Di, 04. Dezember 2018 um 11:26 Uhr

Gastronomie

Hans und Else Erben hören nach 34 Jahren als Gastwirte im "Lamm" in Freiamt auf. Damit enden in Reichenbach wohl endgültig 272 Jahre Gasthausgeschichte.

Mit dem letzten Öffnungstag des "Lamms" endeten in Reichenbach wohl endgültig 272 Jahre Gasthausgeschichte. Benedikt Sommer schaute auf eine letzte Nudelsuppe vorbei.

Es war doch Dezember, als Hans Erben das Lamm schloss (und gleich am nächsten Tag noch eine Geburtstagsfeier ausrichtete). Drei Uhr sei es geworden, erzählte Else Erben am nächsten Morgen, bis sich die letzten Gäste endgültig auf den Weg machten, zumeist Stammgäste aus der unmittelbaren Nachbarschaft und Freiämter. Der harte Kern eben. Das hatte sich abgezeichnet am späten Abend.

Zwar war es am letzten Öffnungstag nicht mehr so voll, aber doch sehr gut besucht. Alles Stammgäste, erzählt Karl-Heinz Sulzberger, "das ist der Stammtisch, da sitze ich normalerweise, der große Tisch da kommt aus Sexau, die hier aus Denzlingen und Kollmarsreute, und ja, Bombach ist auch da." Sulzberger wohnt auf der anderen Straßenseite und hat im Lamm seit Jahrzehnten vielleicht nicht sein zweites Wohnzimmer, aber einen gemütlichen Zufluchtsort. Genauer gesagt seit 34 Jahren, als Hans und Else Erben das Wirtshaus von deren Eltern übernahmen. "Der Hans hat meine Generation erst ins Lamm gezogen, vorher waren da nur die Alten, die Honoratioren." Man sei immer gut ausgekommen, in guten wie in schlechten Zeiten.

"Ich kann von daheim immer nachschauen, ob noch Licht brennt, dann weiß ich, es ist offen." Konnte, korrigiert er sich, und schluckt ein wenig. Ja, die Zeiten. Da gerät an diesem Abend vieles durcheinander. Die Vergangenheitsform zu verwenden fällt vielen noch schwer. Wenn offen war, gab es auch noch etwas zu trinken und zu essen. "Ins Lamm konntest du auch um elf Uhr noch kommen. Und wenn du Hunger hattest, dann hat die Else den Herd noch einmal angemacht", erzählt ein anderer Gast.

Zeit für viel Wehmut hatten Hans und Else Erben noch nicht. "So voll, wie es die letzten beiden Wochen war, also das möchte ich auch gar nicht mehr haben", beklagt sich der Wirt fast. Die Gäste am Tisch wissen schon, wie es gemeint ist.

Hans Erben hat schon immer gern gewirtet, auch schon in der Zeit bevor er Lamm-Wirt wurde, als er noch Handwerker war. "Zehn Jahre hatte ich da schon den Ausschank beim Sportverein gemacht, hinter dem Tresen habe ich mich immer wohlgefühlt". Auch im Gespräch mit den Leuten. Und auch wenn es wieder einmal sehr spät wurde. Von daher sei ihm der Einstieg im "Lamm" leicht gefallen. Seine Frau habe schon mit zehn Jahren gerne dort ausgeholfen. Dass jetzt Schluss ist, sei aber gut. "Wir hatten ja lange Zeit, uns darauf einzustellen", sagt Else Erben, die jetzt, wo die Küche eigentlich zu ist, mit ihrem kleinen Belohnungseierlikör an den Tisch kommt. Aber so wirklich realisieren kann sie das alles noch nicht.

Da kommen die Musiker von Polkablech durch die Tür, spielen ein "kleines Ständerle für den Hans" und füllen die Gaststube mit Polka, Marsch und Gesang. Schon wird mitgeklatscht und mitgesungen, als gäbe es kein Morgen. "Das ist jetzt das letzte Stück", heißt es immer wieder. Der Wirt und einige Gäste sorgen für die "Ölung" der Musikanten. Am Dienstag kam sogar der ganze Musikverein mit 40 Mann nach der Probe oben im Saal herunter und habe ein Ständchen gegeben, erzählt Erben stolz. Aber dann serviert die Bedienung die Nudelsuppe, eine von Else Erbens Spezialitäten.

Die selbstgekochte kräftige Fleischbrühe fordert zu Recht ungeteilte Aufmerksamkeit – auch weil sie wahrscheinlich das letzte warme Gericht ist, das die Lammküche verlässt. "Einen Wurstsalat gibt’s immer", sagt Hans Erben, und korrigiert sich: "Gab es". Karl-Heinz Sulzberger erzählt: "Die schönen Zeiten am Stammtisch mit Schwarz- und Leberwurst werden wir sehr vermissen. Es waren Hans und Else, die immer für uns da waren". Noch ein Abschiedsabend für die Nachbarn, "für deren Geduld" (Hans Erben) – dann gehen im Lamm endgültig die Lichter aus.