Die Ära der Wirtefamilie Jägler ist vorbei

Wolfgang Scheu

Von Wolfgang Scheu

Fr, 29. Dezember 2017

Gastronomie

Lioba und Heribert Jägler sagen dem Gasthaus "Krone" in Bonndorf-Holzschlag Lebewohl / Zum Jahresbeginn übernimmt Philipp Scharf die Traditionsgaststätte.

BONNDORF-HOLZSCHLAG. Seit dem zweiten Weihnachtsfeiertag fehlt die Speisekarte im Schaukasten neben der Eingangstür des Gasthauses Krone in Holzschlag. Stattdessen prangt ein handgeschriebener Zettel mit der Aufschrift "Geschlossen" an der Tür. Nicht "Ruhetag" oder "Geschlossen bis ...". Es ist soweit, die Familientradition der Familie Jägler als Gastwirte ist vorbei. Das oft überstrapazierte Sprichwort vom "Ende einer Ära" ist mehr als angebracht, sie begann 1841 mit Demeter Jägler (geboren in der Schwendi, verheiratet mit Justina Trischler) und endete nun mit Heribert und Lioba Jägler Weihnachten 2017.

Heribert und Lioba Jägler sitzen auf der Ofenbank hinterm Stammtisch und sind geschafft. Gemeinsam mit Friedhilde Kaltenbach aus Gündelwangen – sie ist schon seit 33 Jahren die ebenso tatkräftige wie zuverlässige und treue Seele in Küche und Garten in der Krone – haben sie noch einmal zwei Tage Hochbetrieb bewältigt. "Das Gleiche wie jedes Jahr", könnte man meinen, es waren nicht mehr Leute da als sonst. Wie in den Jahren zuvor waren alle Tische besetzt, mehr geht gar nicht. Am Tag vor Weihnachten hat Lioba in der Hektik die Reservierungsliste verlegt, erzählt sie mit einem Lächeln im Gesicht, doch sie hat alles noch im Kopf gehabt – "Gott sei dank".

Der Abschied von den Stammgästen war diesmal noch inniger als sonst, es wurden mehr Worte gewechselt. Viele ihrer treuen Gäste aus der Region, auch aus Belgien und Holland, haben sie natürlich alle persönlich informiert. Ein großes Anliegen ist es ihnen, auf diesem Weg allen, die sie noch nicht erreicht haben, "Danke" zu sagen.

Die Reaktionen ihrer Gäste haben die Wirtsleute sehr gefreut, manchmal sogar etwas gewundert, denn der Schwarzwälder lebt ja nach wie vor nach dem Motto "Nit g’muulet isch g’lobet gnueg". "Was sollen wir denn jetzt machen? Wir gehen ja nicht in die Krone, wir gehen zu Lioba und Heribert", hörten sie mehr als nur einmal. Über die Nachfolge in der Krone informiert, bekräftigten aber alle, dass sie es mit den neuen Wirten doch gerne probieren wollen.

Das Geschäft hat bei beiden schon mehr als ein kleines Zipperlein hinterlassen, Heribert wuchs in der Krone auf. Er kennt die Gastronomie noch gut aus der Zeit, als das Gasthaus auf dem Land noch viel mehr war als ein Platz zum Essen und Trinken, es war ein sozialer Mittelpunkt im Ort, wo sich Familien getroffen haben im verlagerten Wohnzimmer, heute am besten noch vergleichbar mit dem Pub in Irland, der dort auch heute noch seinen festen Platz im sozialen Leben hat. Deshalb war ihm auch stets wichtig, den Stammtisch in der Krone zu pflegen. Ein spezielles Fest für die Freunde vom Stammtisch gab es nicht, doch in den letzten Tagen mussten sie keinen Durst erleiden, das ist sicher.

Nach der Kochlehre im Ochsen in Saig und der Bundeswehrzeit ging Heribert wieder nach Hause. Zusätzliche Erfahrung sammelte er in der Wintersaison in den Schweizer Bergen. Fortan spielte sich sein Leben zwischen Küche, Gastraum, Wald, Stall und Wiese in Holzschlag ab – bis vor wenigen Jahren hat er auch die Landwirtschaft mit den Rindviechern umgetrieben und die zirka 50 Ster Holz für Heizung und Wasser hat er auch geschlagen und gesägt.

"Ohne eine gute Frau an meiner Seite hätte ich das nie so lange geschafft", betont er gerne und er meint es auch so. Der jetzige Schlussstrich ist kein lange geplanter Ausstieg. Wie die meisten seiner Wirtekollegen ist er davon ausgegangen, dass er und seine Frau Lioba (seit 23 Jahren ist sie an seiner Seite) so weitermachen, bis sie nicht mehr können. Sie wurden selbst überrascht, als der junge Kochmeister Philipp Scharf bei ihnen vorstellig wurde und seine Absicht formulierte, die Krone zu übernehmen, "lieber jetzt als später". Lange überlegen mussten sie nicht, von solch einer Chance träumen andere Wirte nur, die keinen Nachfolger in der Familie haben. Dass es mit der Krone weitergeht, ist ihnen wichtig, die Gespräche mit dem jungen Koch aus dem Ort haben den Wirtsleuten sehr gut gefallen.

Bis heute ist die Krone ein klassisches Gasthaus mit Gästezimmern und Restaurantbetrieb, ein beliebter Treffpunkt für sonntägliche Familienessen – der Topf mit der Nudelsuppe war obligatorisch auf dem Tisch, wie auch für Essensgäste unter der Woche. Am runden Stammtisch fand immer noch ein weiterer Stuhl Platz, wenn die Tür aufging und der Nächste seinen Feierabenddurst im vertrauten Kreis löschen wollte.

Holzschlag darf sich glücklich schätzen, vom allgemeinen "Kneipensterben" bleibt der Ort weiterhin verschont. Mit Krone, Reichenbächle und Nicklas gibt es gleich drei sehr gute Einkehrmöglichkeiten im kleinen Radius um den Dorfplatz. Das Gasthaus Glashütte darf man nach wie vor dazurechnen und auch auf dem Hinterberg finden Gäste – mit und ohne Hund – immer noch einen Platz im ehemaligen "Waldheim" und in den Ferienwohnungen im Waldfrieden.