"Mitch" gibt den Walfisch auf

Anika Maldacker

Von Anika Maldacker

Fr, 19. Oktober 2018

Freiburg

Pächter Michael Schniepp geht Ende Dezember nach 16 Jahren / Kultkneipe in der Wiehre soll weiter bestehen.

FREIBURG-WIEHRE. Er war der Erste in Freiburg, der einen Irokesenschnitt trug, außerdem führte er seit 2002 die Punkrockkneipe Walfisch in der Wiehre: Michael Schniepp, der nur "Mitch" genannt werden will. Zum Jahresende hört er nach 16 Jahren mit dem Kneipenbetrieb auf.

Rauchend und etwas lethargisch sitzt Michael Schniepp, besser bekannt unter dem Namen "Mitch", um zwei Uhr nachmittags in seiner Eckkneipe Walfisch an der Schützenallee 1. An den rot-schwarz gestrichenen Wänden hängen Totenschädel, direkt hinter ihm klebt ein "FCK AFD"-Aufkleber, von draußen donnert der schwere Lkw-Verkehr der B 31 hinein. "Ich hab irgendwie keine Lust mehr", erklärt er seinen baldigen Ausstieg als Walfisch-Betreiber. Seine Kündigung als Pächter beim Hauseigentümer Ganter Grundstücks GmbH ist eingereicht. "Zum 1. Januar hör ich auf", sagt er, "das ist 100 Prozent sicher."

Mitch gilt als Punk-Urgestein. Ein Freiburger Punker erinnerte sich, dass er der erste in dieser Stadt war, der einen Irokesenschnitt trug. Mitch war auch der erste, der in Freiburg 1983 ein Tote-Hosen-Konzert veranstaltete. 2010 machte er negative Schlagzeilen, als er die Deutschrock-Band Freiwild nach Lahr holte. Damals wurde er angefeindet. Seinem Walfisch hing der Ruf an, ein rechtsoffener Laden zu sein.

Nun sagt der 55-Jährige: "Freiburg ist für mich eine tote Stadt geworden" und "Punkrock funktioniert nicht mehr, da Freiburg zu teuer ist." Die Leute kämen nur noch zum Essen, zum Trinken zögen sie weiter – oder gingen heim. Die vergangenen warmen Monate haben Mitch die Lust am Kneipenbetrieb genommen. "Ich hab jedes Jahr nach dem Sommer draufgezahlt", sagt er. Nach dem diesjährigen entschied er sich, endgültig aufzuhören.

Schon mehrere Male habe er, der in Stegen aufwuchs, in den vergangenen Jahren den Absprung als Kneipenbetreiber machen wollen. Jetzt hat er ihn gewagt. Persönliche Gründe haben eine Rolle gespielt. Er sei wieder Vater von Zwillingen geworden. Mittlerweile lebe er mit seiner Familie in einem Dorf in der Pfalz. Außerdem arbeite er ja noch seit 30 Jahren als Manager der britischen Punkband "The Exploited". Und er ist müde. Müde von der Bürokratie, müde von den Auflagen, müde vom Staat, müde von der Gema. "Ich habe in meinem Leben noch keinen Kulturzuschuss gekriegt", sagt Mitch. Er fragt sich, wie andere Kneipenbetreiber das schaffen, die nicht nur 2500 Euro Pacht im Monat begleichen müssen. Wenn es demnächst nicht besser laufe, werde er mit einem Minus gehen.

Mitch ist auch müde vom Verpächter. Denn von der Firma Ganter, bei der er eine Ausbildung zum Bierbrauer begann und abbrach, habe er schon oft gefordert, den Walfisch teilweise zu renovieren. "Im Winter ist es zu kalt, weil es reinzieht, und in den Toilettenräumen ist der Geruch oft schlecht", sagt Mitch. Passiert sei bisher nicht viel.

Bei Ganter erhebt man Einspruch: "Wir haben den Mitch nicht alleine gelassen", sagt Außendienst-Mitarbeiter Franz Weckerle. Aber bei Ganter wisse man, dass im Walfisch bauliche Veränderungen vorgenommen werden müssten. Das wolle man erst nach Schniepps Ausstieg angehen, auch weil man ihn in Ruhe arbeiten lassen wolle. Der Walfisch soll aber weiter eine Kneipe bleiben. "Uns ist es wichtig, dass der Walfisch weiterlebt", sagt Weckerle "auch im bisherigen Stil, sofern der neue Betreiber zustimmt." Der Walfisch solle weiterhin die subkulturelle Seite Freiburgs verstärken. Zwei am Weiterbetrieb interessierte Parteien gibt es. Dass der Walfisch einige Wochen geschlossen sein wird, sei sehr sicher, sagt Weckerle.

Das Ganter-Lokal Walfisch ist auch bekannt, weil es jungen Handwerkern auf der Walz Schlafplätze anbietet. Und der Walfisch ist als Fußball-Kneipe bei Fans des FC St. Pauli und SC Freiburg beliebt.

Wenn Mitch am 1. Januar 2019 den Walfisch abgibt, dann will er "erst einmal nichts mehr mit dem Freiburger Nachtleben zu tun haben." Die Familie in der Pfalz, die Band – all das wartet. Aber auch andere neue Projekte.