Sternelokal in Oberbergen

Im Schwarzen Adler kochen zwei Köche aus Venezuela

Julius Steckmeister

Von Julius Steckmeister

Mo, 18. September 2017 um 19:14 Uhr

Vogtsburg

Der eine ist Sternekoch und vor 43 Jahren nach Deutschland ausgewandert. Der andere kam vor vier Jahren hierhin, um einen Sprachkurs zu machen. Beide stammen aus Venezuela – und kochen im Sternelokal Schwarzer Adler in Oberbergen.

Hanss Schmuk weiß, was Heimweh bedeutet. Der 26-Jährige ist vor vier Jahren aus Venezuela nach Deutschland gezogen. Eigentlich war der ehemalige Informatikstudent nur für einen Deutschkurs gekommen – nun lernt er Koch im Schwarzen Adler in Oberbergen. Er entschied sich in Deutschland zu bleiben, da sich die politische Situation in seiner Heimat verschlechterte. Sein heutiger Lehrmeister in der Küche stammt selbst aus Venezuela, der Spitzenkoch Anibal Strubinger ist vor 43 Jahren nach Deutschland ausgewandert.

Gegrillt wird in der Oberbergener Kellerwirtschaft regelmäßig. Kürzlich allerdings waren rund 100 Freunde der gehobenen Grillkunst in das Restaurant im Weingut Franz Keller gekommen, um sich von einem Spitzenkoch, dem Sternekoch aus der Küche des Schwarzen Adler, Anibal Strubinger, und seinem Lehrling und Landsmann Hanss Schmuck kulinarisch entführen zu lassen. Reiseziel war Venezuela, denn dort kommen die beiden Köche ursprünglich her – und sie sorgen sich zunehmend um die Situation in ihrer Heimat.

Schmuk kam für einen Sprachkurs nach Deutschland. Aus dem Kurzaufenthalt wurden inzwischen vier Jahre. "Ich hatte damals mit meinem Vater telefoniert. Er sagte, wenn du kannst, bleib in Deutschland", erzählt Schmuk. Mit seiner Mutter zu telefonieren, schafft er im Augenblick kaum, denn dann wird das Heimweh fast übermächtig. Seine Lehre hat er in einem Jahr abgeschlossen.

Wie genau es weitergeht, ist noch offen, auf jeden Fall aber in Deutschland und selbstverständlich als Koch, denn beim Beruf hat Schmuk Feuer gefangen und in seinem Lehrherren nicht nur einen Landsmann, sondern auch ein großes Vorbild gefunden.

Denn auch sein Lehrmeister stammt aus Venezuela. Anibal Strubinger ist vor 43 Jahren nach Deutschland ausgewandert. Heute ist er Sternekoch. Tragisch waren, erinnert sich Strubinger, besonders die ersten Monate. "Ich wollte eigentlich jeden Tag zurück", sagt der heute 62-Jährige über den damals gerade 19-jährigen Strubinger. "Während der gesamten Lehrzeit war ich nicht zu Hause", fährt er fort.

Trost spendete die Mutter Fritz Kellers, die den Auszubildenden aus der Ferne fast wie einen Sohn behandelte. "Nun sind es über vier Jahre, dass ich nicht mehr in Venezuela war. Es tut richtig weh", bedauert der Sternekoch den Ist-Zustand, denn aufgrund der Situation im Lande wie im Heimatort ist es vor allem Strubingers Frau schon seit geraumer Zeit zu riskant, das südamerikanische Land zu besuchen. "Die politische Lage ist eine Katastrophe", macht Strubinger sich Luft, dabei sei Venezuela ein so schönes Land.

Strubinger und Schmuk kommen aus der Colonia Tovar, einer im Jahre 1843 von 358 Auswanderern aus der Region rund um den Kaiserstuhl gegründeten Siedlung nahe der venezolanischen Hauptstadt Caracas. Der Kontakt zwischen Tovar und der Region besteht bis heute. Im Mai dieses Jahres marschierte das Militär auch in das "deutsche Idyll", die Colonia Tovar, ein. Der Haupterwerbszweig Ortes, der Tourismus, ist seitdem komplett am Boden, es mangelt an vielem. Deshalb haben Schmuk und Strubinger mit Hausherr Fritz Keller zu der Benefizveranstaltung für die Stiftung Colonia Tovar eingeladen. 5000 Euro sind am Ende zusammengekommen. Die Stiftung kümmert sich unter anderem um die Förderung junger Menschen in der Colonia Tovar.

Im Gegensatz zu seinem Auszubildenden hat Anibal Strubinger noch ein Fünkchen Hoffnung auf eine Veränderung in Venezuela. Es müsste eben ein Regierungswechsel her, sagt er. Der Koch träumt von deutschen Gerichten in Tovar, deren Rezepte er dort nach seiner Pensionierung in der Sterneküche gerne weiter erhalten und an die nächste Generation weitergeben möchte. "Das tolle Essen wie dort gibt es in Venezuela sonst gar nicht – Spätzle, Würste, Sauerkraut", schwärmt Strubinger.

Informationen über Colonia Tovar, die Stiftung und Möglichkeiten zu helfen gibt es unter http://www.colonia-tovar.de