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02. Juli 2009
Die Zauneidechsen zittern
Heimische Eidechsen-Arten sind von gefräßiger italienischer Art bedroht / Forscher in Inzlingen.
INZLINGEN. Scherzhaft hatte Bürgermeister Erich Hildebrand im Gemeinderat Anfang Juni von "feindlichen Übergriffen" an der Grenze berichtet (BZ vom 6. Juni). Demnach könnten eingewanderte italienische Mauereidechsen (gesichtet im Riehener Autal) die einheimischen Zauneidechsen auf Inzlinger Gemarkung im Naturschutzgebiet Buttenberghalde in ihrem Bestand gefährden. Nun machen sich Naturwissenschaftler an die Forschungsaufgabe.
Das Regierungspräsidium Freiburg hat die artenschutz- und tierschutzrechtliche Genehmigung für Forschungen im Inzlinger Gebiet schnell erteilt. So konnten sich Dr. Guntram Deichsel (Biberach an der Riss) und Diplombiologe Ulrich Schulte (Doktorand der Universität Trier) in der vergangenen Woche auf Entdeckungstour begeben. Und gleich am ersten Untersuchungstag hatten sie "Erfolg". Bei einem Gespräch in der Redaktion der Badischen Zeitung meldeten sie den Fund von vier grünrückigen Mauereidechsen. Sie gelten als relativ aggressiv. Dabei vergreifen sie sich auch gern an Jungtieren regional verwurzelter Arten und können sie so binnen einiger Jahre ausrotten.Werbung
Ihnen wurden die (brüchigen und nachwachsenden) Schwanzspitzen abgenommen, um sie für eine Gewebeprobe ins Labor des Naturhistorischen Museums in Wien zu schicken. Der 31-jährige Ulrich Schulte untersucht deutschlandweit 73 Regionen, in denen die Population unbekannter Herkunft beobachtet werden soll. Dabei will er nachweisen, dass die eingewanderten Eidechsen Mischlinge mit den heimischen bilden. Denn so gefährlich die "Italiener" für die hiesigen Zaun- und Waldeidechsen auch sein mögen, so problemlos sind sie als "Erwachsene" zur Paarung bereit. "Wir wissen nicht, wie diese Mischlinge reagieren. Auf alle Fälle verfälschen sie die Fauna", sagt Schulte. Ein weites Feld für den Wissenschaftler, der als nächstes am Dreisam-Ufer in Freiburg und am Neckar-Ufer in Mannheim seinen Recherchen nachgehen will. Er ist seit März Stipendiat der DBU (Deutsche Bundesstiftung Umwelt) in Osnabrück. Während drei Jahren kann er so mit regelmäßigen Vorab-Publikationen seine Doktorarbeit vorbereiten.
Guntram Deichsel ist gelernter Mathematiker und Physiker und promovierter Informatiker. Er arbeitete als Dozent für medizinische Biometrie an der Universität Tübingen, in der medizinischen Forschung der pharmazeutischen Industrie und forscht nebenher an Amphibien und Reptilien. Als ehrenamtlicher Naturschutzwart ist er in verschiedene Projekte integriert. Deshalb liegt es ihm so am Herzen, dass die Menschen sensibilisiert werden für den Artenschutz. Ob die italienischen Mauereidechsen im Riehener Autal (dort wurden die braunrückigen Mauereidechsen seit 2006 nicht mehr gesichtet) von "verantwortungslosen Terrarienliebhabern, die unwissend die Natur bereichern wollten" oder auch mit der Einwanderung über die Bahnlinie Basel-Lörrach nach Riehen gelangt sind, kann Deichsel noch nicht sagen. Grundsätzlich sollten aber gebietsfremde Tiere nicht in anderen Regionen ausgesetzt werden, sagt er. Das gilt für Fische, Schildkröten – und eben auch für Eidechsen, die manche aus dem Urlaub mitbringen.
Im Inzlinger Fall weist Guntram Deichsel noch auf eine überraschende Erkenntnis hin: "Zauneidechsen haben auch eine humanmedizinische Bedeutung: Zecken, die Eidechsenblut gesaugt haben, werden borreliosefrei." Da Zauneidechsen vegetationsreichere Lebensräume bevorzugten, würden sie häufiger von Zecken befallen als Mauereidechsen. Somit sei die heimische Eidechsenart auch in dieser Hinsicht schützens- und erhaltenswert, erklärt Deichsel.
Autor: Johanna Högg
