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24. November 2008

"An all dem, was normalerweise passiert, geht dieses Projekt vorbei"

Am Wochenende probten Regisseur Dieter E. Neuhaus und Schlagzeuger Daniel Schay mit Jugendlichen für die Aufführung von "Der Schrei" in Baden-Baden.

OFFENBURG (ges). Das regionale Musikprojekt "Der Schrei" wird konkret: Am vergangenen Wochenende hat Regisseur und Dramaturg Dieter E. Neuhaus in die Proben der drei Offenburger Teams hin-eingehört und ein erstes Gesamtkonzept entworfen. Am 12. Dezember werden alle 260 Jugendlichen aus Lörrach, Freiburg, Karlsruhe und Offenburg mit dem SWR-Sinfonieorchester im Baden-Badener Festspielhaus intern zusammen kommen.

"One, two, one, two, three": Daniel Schay schnippt mit den Fingern. Los geht’s. Die von dem Offenburger Schlagzeuger betreute Gruppe besteht an diesem Samstagmorgen aus fünf Jugendlichen. Der Sänger fehlt, der Klarinettist auch. Geprobt wird trotzdem. "Wir versuchen noch einmal das Motiv vom letzten Mal", sagt Schay und erntet ein Kopfnicken. Die jungen Leute schlagen den Rhythmus auf kleine Trommeln, zwei klopfen die Melodie aus dem Xylophon heraus.

Der junge Mann am Klavier scheint am vertrautesten mit der Materie zu sein. "Wir haben Jugendliche gesucht, die sich ausdrücken wollen", erklärt Neuhaus. Sich Ausdrücken mit Mitteln der Musik, sei es mit der eigenen Stimme, sei es unter Zuhilfenahme eines Instruments. Es geht nicht um Höchstleistungen, sondern um die Bereitschaft, sich auf ein außergewöhnliches Projekt einlassen zu wollen, sich zehn Monate lang zu verpflichten. Was dabei herauskommen wird, ist offen.

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Genau in diesem Spannungsverhältnis von Freiheit und Eingebundensein liegt der Reiz – und die enorme Herausforderung: "Das Schwierigste ist, eine Verbindlichkeit herzustellen", versichert Neuhaus. Derzeit geht es um eine Bestandsaufnahme. Was bringen die jungen Leute mit? Wer sind wir? Was können wir? "An all dem, was normalerweise passiert, geht dieses Projekt vorbei", so der erfahrene Theatermacher, der den Offenburgern spätestens seit dem Freiheitsfest vertraut sein dürfte. Auch damals ging Neuhaus ähnlich vor: Am Anfang steht die Idee, dann kommt das Material, kommen die Menschen dazu. Und dann wird das Ganze mit Inhalt gefüllt.

Daniel Schay klatscht in die Hände. Das Tempo soll verdoppelt werden. Gar keine so leichte Aufgabe. Nur der Pianist nimmt diese Hürde locker und erlaubt sich sogar ein paar solistische Einlagen. Schay lächelt: "Der Trick ist der: Du musst so klingen, dass die anderen gut klingen", sagt er in Richtung Klavier. So sei das halt in der Musik: Man müsse sich selbst zurücknehmen, um gemeinsam etwas zu gestalten. Der Mann am Klavier hat verstanden. Mit Eifer sind die Fünf bei der Sache. Schay ist ganz angetan: "Da ist doch schon eine Linie drin."

Jugendliche zwischen 14 bis 20 Jahren nehmen an dem Projekt teil, eingeteilt sind sie in 18 Musikteams. In Offenburg gibt es drei, neben der Gruppe von Daniel Schay ein Team mit Claudio Esposito und Bernhard Münchbach. Ein Casting gab es nicht.

"So eine Vielfalt kann man sich gar nicht vorstellen", schwärmt Neuhaus. Jugendliche, die Preise bei Jugend musiziert gewonnen haben, sitzen neben Altersgenossen, die noch nie ein Instrument in der Hand hielten. Heranwachsende mit geistiger Behinderung proben mit Gymnasiasten.

Keine leichte Aufgabe wartet auf die Teamleiter und die künstlerischen Leiter, auf Neuhaus, Werner Englert und Sylvain Cambreling, dem Leiter des SWR-Sinfonieorchesters Baden-Baden und Freiburg. Die Spannung steigt. Für Neuhaus ist es das "Fantastische und absolut Ungewöhnliche", dass sich ein etabliertes Orchester überhaupt auf "so etwas" einlässt. Schließlich hätten schon Jugendliche gezögert, weil sie nicht wussten, was denn dabei herauskommt. Das weiß zum momentanen Zeitpunkt niemand. Mit "Der Schrei" ist ein Titel da, eine Ausrichtung. Mehr nicht. Es liegt an jedem einzelnen, was er daraus macht – und es kommt entscheidend darauf an, wie die Teile sich zum Ganzen fügen.

Im kommenden Sommer soll es in allen vier Städten Aufführungen geben, in Offenburg wurde die Oberrheinhalle als Veranstaltungsort gewählt. Neuhaus, der alte Hase, weiß jetzt schon: "Im Nachhinein wird es eine ganz tolle Erfahrung gewesen sein."

Autor: ges