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18. Oktober 2008

"Unsere Kinder sollen glücklich leben"

Die Tochter einer Schopfheimer Familie mit äthiopischen Wurzeln darf nicht nach Äthiopien reisen – die Familie wehrt sich.

  1. Arbeit für Justitia: „Task Force“ und Jugendamt wollen die Tochter einer Schopfheimer Familie vor der Beschneidung schützen. Foto: ddp

SCHOPFHEIM. Einer Schopfheimer Familie wurde durch Beschluss des Familiengerichts in Bad Säckingen das Aufenthaltsbestimmungsrecht für ihre zehnjährige Tochter teilweise entzogen. Das bedeutet, dass die Eltern mit ihrer Tochter das deutsche Staatsgebiet ohne Einwilligung des Jugendamtes nicht verlassen dürfen.

Es war Juli und die Familie dabei, die Koffer für die Ferienreise ihrer Kinder zu packen. Sohn und Tochter sollten zu ihren Großeltern reisen und das Heimatland der Familie kennen lernen. Da traf völlig überraschend ein Brief vom Landratsamt, Soziale Dienste IV, ein, in dem den Eltern mitgeteilt wurde, es bestehe die Sorge, dass bei der zehnjährigen Tochter am Ferienort eine Beschneidung (Genitalverstümmelung) vorgenommen werden könnte. Denn Vater und Mutter stammen aus Äthiopien.

"Zuerst haben wir alle gelacht", erzählt die Mutter. Als sie dann verstanden, worum es ging, waren sie entsetzt. Die Mutter ist Katholikin und besitzt die italienische Staatsbürgerschaft, der Vater ist deutscher Staatsangehöriger äthiopischer Abstammung und gehört der orthodoxen Kirche an. In beiden Familien wird die Beschneidung aus ethischen und religiösen Gründen abgelehnt. Weder die Großmütter noch die sieben Schwestern des Vaters sind beschnitten. Der Großvater ist ehemaliger Kolonialoffizier und hat in Dallas/Texas studiert. Die Großmutter betreibt in Addis Abeba eine Primary School und setzt sich für die Förderung von Waisenkindern ein. Eine der Schwestern des Vaters hat bei den Vereinten Nationen in Genf gearbeitet und ist als Frauenrechtlerin aktiv. "Wir wissen, dass es Beschneidung von Frauen und Mädchen in Äthiopien gibt", erklärt die Mutter, "aber das geschieht auf dem Land. Bei der aufgeklärten und gebildeten städtischen Bevölkerung ist das grundsätzlich anders. In Äthiopien ist die Beschneidung gesetzlich verboten." Dass man von ihnen in Deutschland denken kann, dass sie ihre Tochter nach Äthiopien schicken, um sie dort beschneiden zu lassen, ist für die Eltern völlig unfassbar.

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Was war geschehen? Die Mutter hatte an ihrem Arbeitsplatz von der bevorstehenden Reise der Kinder zu den Großeltern erzählt und wie sehr sich die Kinder auf diesen Besuch freuen. Aus diesem Umfeld hatte es anscheinend einen anonymen Hinweis auf die Reise der zehnjährigen Tochter nach Äthiopien an die "Task Force für effektive Prävention von Genitalverstümmelung" in Hamburg gegeben. Die Sprecherin dieser Task Force, Ines Laufer, reichte am 24. Juli einen Eilantrag beim Amtsgericht Bad Säckingen ein und beantragte "wegen drohender Gefährdung von Genitalverstümmelung der minderjährigen Tochter den Entzug der elterlichen Sorge hinsichtlich der Ausreise nach Äthiopien". Ines Laufer und die Task-Force sind vehemente Kämpfer gegen die Genitalverstümmelung von Mädchen und Frauen.

"Wie kann man uns

unterstellen, dass wir unserer Tochter Leid antun wollen?"

Nach Ansicht der Task-Force muss die Ausreise von Mädchen und Frauen in so genannte Hochrisikoländer um jeden Preis unterbunden werden. So kam es dazu, dass das Gericht das Jugendamt beauftragte, ein Gutachten über die Familie und die familiären Verhältnisse zu erstellen. Die Eltern waren von diesem Verdacht und der drohenden Entziehung des Sorgerechts schockiert und wandten sich an den Schopfheimer Rechtsanwalt Claus Huber, Fachanwalt für Familienrecht.

Das Gespräch mit dem Sachbearbeiter des Jugendamtes fand am 25. Juli in der Wohnung der Familie statt. Der Sachbearbeiter der Außenstelle Schopfheim des Sozialen Dienstes kam in einem dreiseitigen Gutachten zu dem Schluss, dass die langjährig in Deutschland lebende Familie die Beschneidung ablehnt, dass den Eltern die Förderung und Entwicklung ihrer Kinder sehr am Herzen liegt und dass aus Sicht des Jugendamtes "keine Hinweise auf die Gefahr einer drohenden Kindeswohlgefährdung durch Beschneidung" vorliegt. Daraufhin entschied das Amtsgericht Bad Säckingen, dass keine "Kindswohlgefährdung" vorliege. Die Reise zu den Großeltern schien wieder gesichert.

Doch kurz darauf wurde das Jugendamt offensichtlich auf Initiative der Task Force wieder tätig. Das gleiche Jugendamt, das keine Hinweise auf eine drohende Gefahr gesehen hatte, stellte nur zwei Tage nach dem Entscheid des Gerichts erneut den Antrag, den Eltern die elterliche Sorge hinsichtlich der Ausreise nach Äthiopien zu entziehen. Als Grund wurde angegeben: man habe nachträglich festgestellt, dass es in Addis Adeba keinen funktionierenden internationalen Sozialdienst gebe, an den man sich für die Zeit des Aufenthalts des Mädchens um Hilfe hätte wenden können.

Dezernentin Elke Zimmermann-Fisciella erklärte auf BZ-Anfrage, es bestehe kein begründeter Verdacht, auch keine konkrete Besorgnis, aber man könne nicht ausschließen, dass an dem Mädchen in Äthiopien gegen seinen Willen und gegen den Willen der Eltern eine Beschneidung vorgenommen werde.

Fast täglich erhielt der Vater vom Jugendamt Anrufe zu Hause oder am Arbeitsplatz. Der Vater war der ständigen Belastung nicht mehr gewachsen und wandte sich auch an seinen Arbeitgeber, der wenig Verständnis für das Verhalten der Behörde zeigt.

"Unsere Tochter war so verstört, dass wir sie zu Bekannten bringen mussten", berichtet die Mutter. "Sie hatte Angst, dass das Jugendamt sie einfach abholen würde." Am 11. August wurden die Eltern wieder zum Jugendamt bestellt, wo sie ein Einverständnis unterschreiben sollten, ihre Tochter nicht nach Äthiopien reisen und sie bis zur Volljährigkeit regelmäßig gynäkologisch untersuchen zu lassen. Der Arbeitgeber des Vaters riet von der Unterschrift ab. "Dieses Papier ist unglaublich", empörte er sich im Gespräch mit der BZ, "keiner von uns würde sich so etwas bieten lassen".

Die Eltern unterschrieben das Einverständnis nicht. Daraufhin meldete das Jugendamt dem Gericht, die Eltern seien nicht mehr kooperationsbereit. Am 4. September erließ das Amtsgericht Bad Säckingen eine einstweilige Anordnung, nach der den Eltern "die elterliche Sorge … insoweit entzogen (wird), als es um die Veranlassung oder Genehmigung von Reisen in das Ausland geht". Für solche Reisen ordnete das Gericht eine Pflegschaft an und bestellte das Kreisjugendamt als Pfleger.

Die Eltern sind fassungslos. "Wir leben doch in Deutschland, weil wir wollen, dass unsere Kinder glücklich leben und es besser haben als in unserer Heimat", erklärt der Vater. "Wie kann man uns unterstellen, dass wir unserer Tochter Leid antun wollen?" Die Familie fühlt sich erniedrigt und diskriminiert. "Wir haben Jahre für die Ferien der Kinder gespart" so die Eltern, "und jetzt kommt ein Gerichtsverfahren nach dem anderen auf uns zu." Rechtsanwalt Claus Huber hat gegen den Entscheid des Amtsgerichts Bad Säckingen Widerspruch eingelegt.

Autor: Heiner Fabry