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08. August 2012
Olympische Spiele
London träumt
Teamgeist, Vielfalt und Humor – wie die krisengebeutelten Briten die Olympischen Spiele erleben.
Die Wirtschaft schrumpft. Die Schwächsten in der Gesellschaft stöhnen. Die ersten Risse zeigen sich im Koalitionsgebälk. Am Horizont sind die Schatten der Eurokrise und neuer, furchterregender Konflikte auszumachen. Aber die Briten wollen (noch für ein paar Tage) nichts wissen von alledem. Sie feiern sich und Olympia.
London hat sich vollkommen in seine Spiele verliebt. Die Leute haben Spaß. Die Sportstätten können sich sehen lassen. Das Verkehrssystem ist nicht zusammengebrochen. Die Straßen sind erfüllt von sommerlicher Feierlaune, von einer ansteckenden Partyatmosphäre. Ist dies das gleiche London, in dem im vorigen Sommer Läden geplündert und Häuser in Brand gesteckt wurden? In diesem August zeigt sich die Stadt von ihrer sonnigen Seite. Nicht mal die unvermeidlichen Schauer können das Wohlbefinden beeinträchtigen. Hauptsache, man darf mal stolz sein und sich als Veranstalterin der größten Show der Erde präsentieren – mit einem nationalen Team, das auch noch alle Rekorde bricht. Als Ben Ainslie ins Ziel segelte, sangen an der Küste vor Weymouth schon Tausende "Rule Britannia".Werbung
Ein paar weniger erfreuliche Folgen wird diese Woge nationalen Stolzes natürlich zeitigen. So nährt sie die üblichen Illusionen, kaschiert den bedrohlichen Taumel Großbritanniens in der Liga globaler Wirtschaftskraft. Bei diesen Spielen gleich hinter Chinesen und Amerikanern zu landen, stärkt die Überzeugung der Isolationisten im Lande, sich weiter vom Rest Europas absetzen zu können (und zu sollen). Hilfreich ist das für die künftige Entwicklung des Landes nicht. Doch in gewisser Weise hat der britische Traum auch eine wertvolle Gegenwelt enthüllt: Wonach sich viele Briten offenbar sehnen, sind gemeinschaftliche Initiative, Kameraderie und Teamgeist – und nicht der harsche Individualismus rücksichtsloser Selbstbereicherung. Hier hat sich auch ein Großbritannien gezeigt, das Kraft bezieht aus seiner Vielfalt, aus seiner Verwurzelung in vielen verschiedenen Kulturen. Ein multi-ethnisches Land, mit dem sich immer mehr Briten heute identifizieren. Auch ein Land, das sich auf seinen sozialen Zusammenhalt besinnen möchte. Das seinen nationalen Gesundheitsdienst, seine kulturellen Errungenschaften, sein Organisationstalent und seinen Humor zu schätzen weiß.
Doch was wird bleiben von diesen traumhaften Londoner Tagen? Am Montag drohe der Nation eine Ernüchterung sondersgleichen, hört man schon warnende Stimmen sagen. Sparprogramme, ein stockender Reformprozess, eine orientierungslos gewordene Regierung erwarten die heute Feiernden. Die Koalitionsparteien liegen sich in den Haaren, die Opposition ringt noch um Glaubwürdigkeit. Gleichwohl ist da die Hoffnung, dass die Erfahrung dieser Olympischen Spiele Eingang in die politische Wegsuche findet. Es wäre zu schade, wenn den Briten nur ein paar neue Sportstätten blieben.
Autor: Peter Nonnenmacher



