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11. Oktober 2009 20:39 Uhr

Fehlerhafte Hüftprothesen

Lorettoklinik Freiburg schiebt Schuld auf Hersteller

Die Verantwortlichen der Lorettoklinik haben sich den Patienten gestellt, denen in dem Krankenhaus ein fehlerhaftes Hüftgelenk eingesetzt wurde. Es gab Entschuldigungen – und Schuldzuweisungen an den Produzenten der Prothese.

  1. Eine Hüftprothese im Röntgenbild (Symbolfoto): Ein solches künstliches Gelenk macht 770 Patienten des Lorettokrankenhauses in Freiburg große Sorgen. Foto: fotolia.com/NICOLAS LARENTO

Das Lorettokrankenhaus macht aus seinem schlechten Gewissen keinen Hehl. Orthopädischer Chefarzt, Klinikchef und selbst Helmut Schillinger, der Geschäftsführer des zugehörigen Regionalverbundes kirchlicher Krankenhäuser (RkK), stehen in die Ecke des kleinen Saals gedrängt, um sich den verunsicherten Ex-Patienten zu stellen.

Die Selbsthilfegruppe der Menschen, denen in ihrer Klinik ein möglicherweise fehlerhaftes Hüftgelenk eingepflanzt wurde, hat alle 770 betroffenen Patienten eingeladen, um den einstigen verantwortlichen Operateur, Marcel Rütschi, und Ralf Rötten, einen Rechtsexperten der Unabhängigen Patientenberatung UPD, mit ihren Fragen zu löchern. Der kleine Saal im Obergeschoss des Lorettokrankenhauses platzt a aus allen Nähten. Etwa 220 Menschen drängen sich in den Raum, den das Krankenhaus der Selbsthilfegruppe zur Verfügung gestellt hat. Draußen vor den Türen versuchen weitere 20 bis 30 Betroffene, ihren Kopf in den Saal zu strecken. Wer so viele Menschen unter ein Dach bringen will, hat in Freiburg ein Problem. Beim letzten Treffen hatte die Barmer Krankenkasse Asyl in einem ihrer Räume und die Hilfe ihrer Mitarbeiter angeboten, dieses Mal ist es der verantwortliche RkK-Klinikverbund selbst.

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Knochen mit riesigen Löchern

Nachdem sich dessen Geschäftsführer selbst noch einmal bei den Betroffenen für die erlittenen Ängste, Schmerzen und manchmal auch notwendigen Austauschoperationen entschuldigt und für Verständnis geworben hat, erteilt die Organisatorin der Veranstaltung, Bernarda Deufel vom Selbsthilfebüro Freiburg, dem verantwortlichen Chefarzt das Wort. Schnell wird es mucksmäuschenstill im Saal. Mit Kopfschütteln und baff vor Schreck blicken die Patienten auf die Bilder von blutigen Knochen mit riesigen Löchern – auf Fotos, die die mit klebrigem schwarzem Pulver beschmierten Prothesen während der Operationen zeigen. Auf der Leinwand sehen sie nun erstmals das abgeriebene Metall, das an ihren Knochen nagt.

Verteidigungsstrategie ist klar

Rütschi klärt rücksichtslos auf – zumindest gilt das optisch –, berichtet sachlich und knapp, was die Patienten schlimmstenfalls zu befürchten und später bei den Reparaturversuchen im Loretto zu erwarten haben. Schnell wird auch die Verteidigungsstrategie der Klinik deutlich. Die Schuld und Verantwortung soll vor allem dem Prothesenhersteller, der Firma Zimmer, zugeschoben werden. "Bis zur Stunde von Zimmer keine Antwort erhalten" – "die Firma sieht noch keinen Handlungsbedarf": Derartige Sätze scheinen sich tatsächlich auszuzahlen. Zumindest erkundigt sich später einer der Patienten nach einer rechtlichen Unterstützung durch das Krankenhaus für einen juristischen Feldzug gegen das US-Unternehmen.

Hilfe will eigentlich Patientenvertreter Ralf Rötten geben, der zunächst etwas langatmig die eigene Organisation vorstellt, um dann später doch hilfreiche Tipps in Sachen Kosten, Klagemöglichkeiten und Schmerzensgeld zu geben.

Wer hilft besser: Berater oder Anwalt?

Walter Beck, selbst Orthopäde und inzwischen auch Prothesenträger, fühlt sich durch den "Sozialpädagogen" Rötten, wie er bei seiner Wortmeldung etwas abfällig bemerkt, trotzdem schlecht informiert. Er rät den Patienten von einer derartigen kostenlosen Beratung durch einen Patientenberater ab und der teuren Beratung durch einen Anwalt zu. Für ähnlich wenig empfehlenswert hält er die Gründung der hier versammelten Patienteninitiative: "Das ist nicht die Art von Selbsthilfegruppe, die wir Ärzte mögen", so der Freiburger Mediziner. Für manchen Betroffenen ist es auch nicht die Art von Gruppe, die er versteht. "Wer ist denn diese Selbsthilfegruppe?", fragt eine Frau irritiert. "Wo finde ich die denn?" "Die Selbsthilfegruppe", raunt ihr eine Nachbarin zu, "das sind wir alle, auch Sie."

Autor: Michael Brendler