Umstrittenes Großprojekt

Macron entscheidet sich gegen geplanten Flughafen bei Nantes

Axel Veil

Von Axel Veil

Fr, 19. Januar 2018 um 22:00 Uhr

Ausland

Frankreichs Staatspräsident macht dem ein halbes Jahrhundert währenden Streit um den bei Nantes geplanten Flughafen ein Ende – und sagt das Großprojekt endgültig ab.

"Die Franzosen erwarten Entscheidungen", hat Staatschef Emmanuel Macron gesagt und eine besonders heikle getroffen. Sie gilt dem seit Jahrzehnten die Gemüter erhitzenden Vorhaben, bei Nantes einen Flughafen zu bauen. Was nach dem Willen der Stadt und der regionalen Abgeordneten wichtigster Luftverkehrsknotenpunkt Westfrankreichs Furore werden sollte, bleibt nach dem Willen des Staatschefs, was es ist – Feld, Wald und Wiese.

Macrons Premierminister Edouard Philippe hat die Entscheidung verkündet. Und auf dem vor mehr als 50 Jahren als Flughafenbaugrund ausgewiesenen Terrain geht es zu wie in einem gewissen gallischen Dorf nach der Heimkehr der siegreichen Krieger Asterix und Obelix. Mehr als 300 Flughafengegner, die sich auf dem 1600 Hektar großen Terrain dauerhaft niedergelassen haben, feiern "den Triumph über die Staatsgewalt". Sie bitten zum Festschmaus, führen Freudentänze auf.

Umweltschützer und Bauern hatten das bei dem Weiler Notre-Dame-des-Landes gelegene Areal zur "Zone à defendre" erklärt, einer zu verteidigenden Zone. Auf der besetzten Fläche türmen sich Schutzwälle aus Autowracks, Baumstämme, Ölfässer und Autoreifen. Durch den aufgeweichten Boden ziehen sich mit Spießen bestückte Gräben. Aber nicht nur durch Bollwerke, auch durch alternative Lebensformen haben sich die Bewohner des Baugeländes hervorgetan. So unterhalten sie eine eigene Polizei.

Bereits in der Vergangenheit hatte die Protestbewegung Etappensiege verzeichnen können. Selbst der hemdsärmelige Macher Nicolas Sarkozy war 2012 eingeknickt. Zur Räumung entschlossen hatte der Konservative 1000 Gendarmen in Marsch gesetzt. Nach wochenlangen Kämpfen zogen sich die Sicherheitskräfte zermürbt zurück. Sarkozys Nachfolger François Hollande versuchte es 2016 mit mehr Demokratie. Der Sozialist bat die Bevölkerung der Region zum Referendum. Eine knappe Mehrheit folgte dem Aufruf, sprach sich zu 55 Prozent für den Bau des Flughafens aus. Hollande fehlte nur der Mut, dem Votum Taten folgen zu lassen.

Gewiss, gänzlich beigelegt ist der Konflikt auch jetzt noch nicht. Die Besetzer haben klargestellt, dass sie auch nach dem Verzicht auf den Flughafenbau bleiben wollten. Premier Philippe verlangt, dass besetztes Terrain geräumt werde. Zunächst seien die Barrikaden an den Zufahrtsstraßen zu beseitigen, hat der Regierungschef gesagt. Bis Ende nächster Woche hätten sie zu verschwinden, hat Innenminister Gérard Collomb hinzugefügt.

Die Gefahr blutiger Zusammenstöße dürfte gleichwohl gebannt sein. "Man stelle sich nur vor, es gibt Tote, ein Student aus Rennes oder Nantes kommt ums Leben, ein Kind womöglich", hatte Philippe kürzlich Kritikern zu bedenken gegeben, die ihn zu militärischer Härte ermunterten. Auch kann sich Macron rühmen, als international ins Rampenlicht getretener Klimaschützer Kurs gehalten zu haben. Sein populärer Umweltminister Nicolas Hulot, der schon so manches Mal versucht war, der Regierung unter Protest den Rücken zu kehren, wird an Bord bleiben – auch dies ein Grund zur Genugtuung.

Während die Flughafengegner feiern, protestieren nun die Befürworter. Die Regierung habe den beim Referendum bekundeten Volkswillen missachtet. Johanna Rolland, Bürgermeisterin von Nantes, bezichtigt Macron und Philippe des Verrats, wirft ihnen vor, sich Erpressung und Gewalt gebeugt zu haben. Auch drohen dem Staat Entschädigungszahlungen in Höhe von bis zu 350 Millionen Euro an den Baukonzern Vinci, der den neuen Flughafen betreiben sollte.

Aber Philippe betont: "Der gordische Knoten ist durchschlagen." Was Frankreichs entscheidungsfreudigem Präsidenten neben viel Feind auch viel Ehr verheißt. Viel Ehr deshalb, weil die zupackende Art gut ankommt. Seit Wochen erfreut Macron sich wachsender Beliebtheit und bringt es in Umfragen mittlerweile auf 52 bis 54 Prozent Zustimmung. Ob der Flughafen gebaut werde, sei der Mehrheit der fern von Nantes lebenden Franzosen ohnehin egal. Das Problem ist vom Tisch, das vor allem zähle.