Mal quirlig und akzentuiert, mal zart

Karin Steinebrunner

Von Karin Steinebrunner

Do, 13. September 2018

St. Blasien

Organistin Giulia Biagetti präsentiert im Dom ein Programm abseits des Mainstreams.

ST. BLASIEN. Ein vielseitiges und lebendiges Konzert gab Organistin Giulia Biagetti im Rahmen der Internationalen Domkonzerte St. Blasien. Sie hatte ihr Programm, abgesehen vom quasi obligatorischen Bach, etwas abseits des Mainstreams angesiedelt und brachte einige hochinteressante Komponisten zu Gehör, die sich gleichwohl in der Anlage ihrer Werke durchaus mit dem großen Meister vergleichen ließen. Dabei überzeugte sie sowohl mit kraftvoller, markanter Gestaltung und einem unglaublichen Laufpensum ihrer wieselflinken Finger einerseits als auch mit zarter Liedhaftigkeit andererseits.

Bachs Praeludium und Fuge e-moll, BWV 548, ein ausgedehntes Werk mit klangvollem Concerto-Grosso-Charakter im Praeludium und einem Fugenthema, dessen Intervallschritte sich kontinuierlich vom Einklang bis zur Oktave weiten, machten bereits deutlich, welche Energie in dieser recht kleinen, zierlichen Person steckt, die da an der Orgel saß. Wie ein Perpetuum mobile füllte dieses Praeludium unaufhörlich den St. Blasier Dom, wobei Giulia Biagetti es verstand, dieses Kontinuum mit akzentuierten Doppelschlägen an den Phrasenenden ganz klar zu strukturieren, zusätzlich unterstützt durch die deutliche Artikulation der wiederkehrenden Floskeln. In der Fuge arbeitete die Organistin genial den Kontrast zwischen dem keilartig auseinanderstrebenden Thema einerseits und dem quirlig in kleinen Intervallschritten wuselnden Mittelteil andererseits heraus.

Ausgesprochen reizvoll waren die Beispiele, die Giulia Biagetti aus dem Werk des erst vor Kurzem wiederentdeckten, 1904 nach Amerika ausgewanderten, aus dem Elsass stammenden René Louis Becker mitgebracht hatte. Seine "Cantilena" op. 42 wirkte wie ein zunächst wechselweise von zwei unterschiedlichen Protagonisten vorgetragenes Lied, dessen gleichbleibende Begleitung die Verbindung zwischen den beiden herstellt. Nach einer fast choralartigen, ganz homophon gehaltenen Passage erklang das Lied mit einer dritten, zart vibrierenden Stimme, um erneut homophon zu schließen. Beckers "Toccata in D" op. 32 lebte durch den Wechsel von schnellen Staccati und hymnischer Lyrik, die "Pastorale" aus der zweiten "Sonata" verriet in Harmonik und Melodieführung Anklänge an die auch von Dvorák in seiner Sinfonie "Aus der Neuen Welt" entdeckte amerikanische Klangwelt, wobei die Organistin den zarten, romantisierenden Schluss eigens durch die Absetzung mittels neuer Registrierung hervorhob.

Die drei Sätze aus Beckers erster "Sonata" wirkten ebenso abwechslungsreich, von wuchtiger Majestät das "Praeludium festivum", ganz sanft fließend der mit "Prayer" betitelte Satz und originell mit Staccatoakkorden über und kraftvollen Bassschritten unter einem durchlaufenden Bewegungsimpuls im Wechsel spielender "Toccata".

Melodramatisch vorwärtsdrängend und mit geradezu atemberaubendem Laufpensum in der Begleitung erklang die "Concert Study n. 1" des ebenfalls nach Amerika ausgewanderten Italieners Pietro Alessandro Yon, eines Zeitgenossen Beckers. Den Abschluss des Programms bildeten drei Stücke des 1958 in Leverkusen geborenen Organisten und Komponisten Hans-André Stamm. Stamm, von dem zwei mit "Celtic Spirit on Organ" überschriebene Bände mit Kompositionen stammen, hat pfiffig Anklänge an Dudelsackmelodien in seine "Celtic Hymn" integriert und in "Ellyllon" ganz sphärisch anmutende Klänge von beinahe kindlicher Naivität geschaffen, die eine magische Traumwelt vor dem geistigen Auge des Zuhörers aufscheinen lassen. In seine "Toccata alla celtica" schließlich haben jazzig synkopierte Rhythmen Eingang gefunden.

Auf die stehenden Ovationen des Publikums und den anhaltenden Applaus hin kredenzte Giulia Biagetti zwei Zugaben, ganz im Sinne des gesamten Programms die erste mit quirligem Laufwerk und akzentuierter Strukturierung, die zweite zart und von einer mit gebetshafter Andacht durchdrungenen Liedhaftigkeit – direkt zum Aufschlagen des Gotteslobs und zum Mitsingen animierend.