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30. Dezember 2011

Der Steinbruch hat Johannes Beyerle nicht mehr losgelassen

Ein "generationenübergreifendes Filmteam", der Fotograf Rolf Frei und der 20-jährige Philipp Lossau aus Lörrach, begleitete den Bildhauer und Maler auf Spurensuche.

  1. Der Bildhauer und Zeichner Johannes Beyerle (Mitte) mit den Filmemachern Rolf Frei (links) und Philipp Lossau bei der Filmpräsentation im Alten Schulhaus Vogelbach. Foto: Roswitha Frey

MALSBURG-MARZELL/VOGELBACH. Der Ort hat ihn nicht mehr losgelassen. Immer wieder suchte Johannes Beyerle den Steinbruch bei Kandern auf, um dort zwischen abbröckelnden Felsen, Steingeröll und Pflanzen zu zeichnen oder Steine mit Lehm zu überziehen und Gesichtsstrukturen hineinzukratzen, die etwas von Höhlenzeichnungen haben. Im Atelier entstanden weitere Arbeiten, in denen der Künstler die Steinbruch-Motive zeichnerisch, bildnerisch und skulptural umgesetzt hat. In dem Kunstfilm "Im Steinbruch. 37290", der am Mittwochabend in den Wohn- und Kunsträumen des Künstlers im Alten Schulhaus in Vogelbach erstmals präsentiert wurde, wird Johannes Beyerles künstlerischer Arbeitsprozess im Steinbruch und im Atelier eindrücklich dokumentiert.

Ein "generationenübergreifendes Filmteam", der Weiler Fotograf Rolf Frei und der 20-jährige Philipp Lossau aus Lörrach, begleitete den Bildhauer und Maler im September zwei Tage lang in den Steinbruch. Die Filmemacher beobachteten Beyerles Spurensuche und tiefgehende Beschäftigung mit diesem Ort, wo im Zweiten Weltkrieg Unfassbares und Schreckliches geschehen ist: Ein junger polnischer Zwangsarbeiter, der sich in eine deutsche Frau aus einem Markgräfler Dorf verliebt hatte, wurde in diesem Steinbruch an einem Galgen erhängt. Andere Zwangsarbeiter mussten ihn auf einem Leiterwagen in den Wald bringen. Johannes Beyerle erfuhr von dieser tragischen Geschichte, nachdem ihm eine 90-jährige Frau von dem "Polen-Wäldchen" erzählt hatte. Daraufhin recherchierte er weiter, forschte nach, sprach mit Zeitzeugen, die sich an das Geschehen erinnern, von dem noch viele wissen, über das aber nicht gesprochen wird.

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Immer wieder ging Johannes Beyerle in den Steinbruch, um mitten in der urwüchsigen Natur zu zeichnen, und hatte stets die erschütternde Geschichte des jungen Zwangsarbeiters im Kopf. Der Film veranschaulicht dieses Ringen, dieses schmerzliche, tiefe Eingraben, Ausgraben und Zuschütten sehr eindringlich. Man sieht Beyerle zwischen Geröll, Dickicht und Steinblöcken sitzen und zeichnen, während er davon spricht, wie der Steinbruch langsam zuwächst, sich zuschüttet, so wie die Erinnerung verblasst. Diesen Prozess, das Rissige, Poröse, Bröckelnde, das Verwittern und Zuwachsen, die Strukturen des Steinbruchs setzt Beyerle in expressiven zeichnerischen Linien und dunklen Farbflecken um. Die Kamera folgt ihm, wie er unter großer Kraftanstrengung Steine hinaufschleppt, wie er auf Nepalpapier die Felsstrukturen, die Steinbruchmotive transformiert, bis das Papier selbst zum Steinbruch wird. Immer wieder tauchen in den Arbeiten figürliche Elemente auf, Fragmente von Köpfen und Gesichtern, denn Beyerle versucht sich vorzustellen, wie dieser junge Mensch ausgesehen hat, ist auf der Suche nach dem Gesicht. Immer wieder rücken die Filmemacher im Atelier Beyerles Hände in den Blickpunkt, die Hände, die mit Lehm modellieren oder in expressiver Bewegung über die Papierfläche fahren. In dem Filmporträt sieht man auch, wie der Künstler als eine Art "Denkmal" auf einer Anhöhe einen Stein-Haufen aufschichtet, Steine mit Lehmschicht überzieht und ihnen Gesichtsstrukturen verleiht. Die Lehmgesichter verschwinden langsam, verrotten, der Steinhaufen wird zu einem neuen Lebens-Naturraum – eine Metamorphose, wie sie der sensiblen, existentiell tiefgründigen Herangehensweise von Beyerle entspricht.

Es war sehr stimmungsdicht, dass der Film umgeben von Beyerles Lehmskulpturen, hybriden Körpern und Landschaftszeichnungen präsentiert wurde. Auch musikalisch wurde der Abend stimmig begleitet von der Pianistin Gergana Schneider aus Kandern, die am Hausflügel Stücke von Chopin, Satie und des bulgarischen Komponisten Pantscho Wladigerov spielte. Marion Mangelsdorf führte in den Film ein und gab einen Ausblick auf weitere Veranstaltungen im Zusammenspiel von Künstlern und Musikern im Alten Schulhaus. Die Filmpräsentation bot viele Impulse zu regem Gedankenaustausch, die vielen Besucher konnten sich auch in Beyerles Atelier umschauen und die Skulpturen, Steine und Zeichnungen zum Thema "Steinbruch" näher auf sich wirken lassen.

Autor: Roswitha Frey