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03. August 2010
Die Welt ist so schlecht wie man sie sieht
Malterdinger Pfarrhofkonzert mit der Gruppe "Philadelphia" begeisterte das Publikum.
MALTERDINGEN. Endlich! Endlich wagt es eine Truppe, Mikros und Verstärker zuhause zu lassen. "Philadelphia" (griechisch für Geschwisterliebe) musiziert mit akustischen Instrumenten: Lugi Trommsdorff (Gitarre), Lena Trommsdorff (ein kleines Schlagzeug) und Max Trommsdorff (Kontrabass) bespielten den bis voll besetzten Pfarrhof am Samstag völlig ungeniert ohne jede Verstärkung: Ihr Singen – die drei Geschwister wechseln sich bei den Soli ab und beherrschen einen meistens blitzsauberen Satzgesang – kann sich locker gegen die Instrumente durchsetzen und trägt auf dieser fantastischen Bühne. Das kann man schon fast perfekt nennen, professionell ist es allemal.
Philadelphias Musik lässt sich am ehesten mit dem "Singersongwriter"-Etikett beschrieben. Deutsche und englische Texte mischen sich, sie greifen Alltägliches auf und bürsten es mit schön sitzender Ironie gegen den Strich. Sie müssen sich bei den Großen (Xavier Naidoo, Reinhard Mey) gar nicht anlehnen: "Ich seh Dich' einfach nicht", das die blödsinnige Inflation ewiger Sonnenbrillen aufspießt, passt schon: "Du zeigst soviel Gefühl/wie'n blanker Besenstiel" heißt es da – Blicke sagten viel mehr als 1000 Worte "vorher". Erster Jubel im Publikum.
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Dass sich das Schema der Songs zuweilen ähnelt, ist nicht allzu tragisch: Der (oder die) Solist(in) beginnt, die jeweils anderen treten dazu. Dieser Hintergrundgesang beschränkt sich nicht auf Drei-Akkorde-Harmonik; auch die Songs nicht auf Strophe-Refrain-Muster. Es sind musikalisch hochintelligente, durchkomponierte Strophenlieder, die Philadelphia präsentieren – oft und gern mit leisem Schluss, im Satzgesang gern widerborstig (aber nie schräg). Dahinter stecken eine ausgezeichnete musikalische Ausbildung und die Routine eines Trios, das häufig Straßenmusik macht. Die Band tritt seit 2007 unter ihrem Namen auf – dass in so kurzer Zeit dieses Niveau entsteht, ist beachtlich. Dass die drei nicht darauf reduziert werden wollen, eine Geschwisterband zu sein, lässt Max Trommsdorff am Rand einer Moderation durchblicken – es wäre auch zu einfach.
Zu den wunderbaren Nebenereignissen der Pfarrhofkonzerte gehört, dass es im Lauf des Abends dunkel (und entsprechend gemütlich) wird. Philadelphia macht auf dem selben Niveau weiter. "Viva da Salsa" rockt schon beinah', die gerissene Gitarrensaite wird mit ziemlicher Geschwindigkeit ausgetauscht. "Beschwer dich nicht" geht das Wagnis ein, Textklischees aufzugreifen – das Reden vom halb vollen/ halb leeren Glas – und es gelingt. "Speichern unter. . ." ist die neuzeitliche Version von Goethes "verweile doch, du bist so schön" und überträgt das Speichern einer Datei auf das Leben: "Frische Liebe hätt' ich manchmal gerne griffbereit. . .". Der "Heimweh"-Song dreht sich um die alte Frage "Gibt es einen Ort auf Erden/wo wir jemals glücklich werden. . ." – genau besehen also überträgt er das Heimweh-Motiv auf das Leben, treibt es tiefer, macht es grundsätzlicher. "Autostop" lehrt, dass die Welt nur so schlecht sei, wie man sie sehe.
Was für eine Band, was für ein Konzert. Das begeisterte Publikum erklatscht sich drei Zugaben, zuletzt das einzige Cover-Stück des Abends, Billy Joels "Walk down that lonesome Road", das die Trommsdorffs a capella singen. – Die scheidenden Pfarrersleute Götz und Karen Häuser wurden noch für die Idee der Pfarrhofkonzerte geehrt.
Autor: Frank Berno Timm
