Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.
26. Januar 2009
"Manchmal sind es die kleinen Dinge"
Wie der "Weiße Ring" Opfern von Straftaten hilft.
Was Karlheinz Kumbruck im vergangenen Frühjahr passierte, hat ihn schlimm getroffen. Als er davon erzählen will, verweigert ihm die Sprache vor Aufregung ihren Dienst: Ein unbeschreiblicher Schreck muss ihm in die Glieder gefahren sein, als er beim Bezahlen in einem Lokal die gähnende Leere in seinem Geldbeutel bemerkt. Alles weg. Er denkt gleich an den jungen Mann, der ihn auf dem Parkplatz angesprochen und darum gebeten hatte, ihm zwei Euro zu wechseln. Der zu hundert Prozent Schwerbehinderte hatte mühsam seinen Geldbeutel hervorgekramt und keine Euromünzen gefunden. Sein Gegenüber nahm ihm das Portemonnaie aus der Hand und sagte: "Hier ist doch ein Euro." Das "schönen Tag noch", mit dem sich der junge Mann anschließend verabschiedete, klingt dem Bestohlenen heute noch im Ohr. Seine Anzeige bei der Polizei führt zu nichts, der Mann wird nicht gefasst.
Karlheinz Kumbruck ist eines der sechs Millionen Opfer von Straftaten, die jährlich in Deutschland begangen werden: Raub, Diebstahl, sexueller Missbrauch, Körperverletzung, Mord. 800 Euro hatte er gerade bei der Bank geholt, um die zweite Rate für seinen Klinikaufenthalt zu zahlen. Denn 1980 hatte den ehemals selbstständigen Geschäftsmann aus Freiburg mit 36 Jahren ein schwerer Schlaganfall ereilt, der ihn zu einem hundertprozentigem Schwerbehinderten machte. Sein Juweliergeschäft war gut gelaufen. Heute muss er mit 750 Euro Rente auskommen. Seit 1999 lässt er sich zweimal jährlich in einer Klinik in Österreich auf eigene Kosten behandeln und tankt dabei Lebensmut. "Das Sprechen und Laufen geht jetzt viel besser", bringt er stammelnd heraus. Doch das Geld dafür muss er sich mühsam zusammensparen.
Werbung
Die 55-Jährige kennt sich mit der Arbeit des Weißen Rings aus, sammelt sie doch bereits seit Jahren Erfahrungen in der Jugendgerichtshilfe und beim Täter-Opfer-Ausgleich. Freilich müssen die ehrenamtlichen Helfer nicht unbedingt vom Fach sein. Vielmehr sind einfühlsame und psychisch stabile Persönlichkeiten mit Lebenserfahrung gefragt. "Die Menschen brauchen jemanden, der Zeit hat, ihnen zuzuhören und nicht in Frage stellt, was sie erlebt haben", sagt Beate Hauser. Gerade rief zum wiederholten Mal ein Stalking-Opfer an. Die junge Frau wird von ihrem früheren Gefährten verfolgt, der noch einen Schlüssel zu ihrer Wohnung hat. Vor einer Anzeige scheut sie vorerst zurück. In ähnlichen Fällen hat der Weiße Ring schon dafür gesorgt, dass das Wohnungsschloss ausgetauscht wurde. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter versuchen in jedem Einzelfall herauszufinden, was einem Geschädigten guttun kann, vermitteln notfalls an Fachleute weiter.
"Da sind Fantasie und Menschenkenntnis gefragt", so die neue Leiterin. Denn die Sozialgesetzgebung setzt der Hilfe häufig finanzielle Grenzen. Dann springt unter Umständen der Weiße Ring unbürokratisch mit eigenen Mitteln ein. So hilft er etwa einer Mutter mit ihrer Tochter beim Umzug in eine andere Wohnung, nachdem die Kleine vom Lebensgefährten der Frau sexuell missbraucht worden war. Oder er besorgt dem Kind ein Fahrrad oder neue Kleider, um dessen Selbstwertgefühl wieder ein bisschen auf Trab zu bringen. "Manchmal sind es die kleinen Dinge", sagt Wagner, "die den Opfern helfen, ihre Angst zu überwinden und machen Mut, sich nicht zurückzuziehen." Wenn nötig, stellt der Weiße Ring Schecks für eine Rechts- oder therapeutische Erstberatung aus, beteiligt sich an der Prozesskostenhilfe, begleitet Opfer häuslicher Gewalt beim Durchsetzen ihrer rechtlichen Ansprüche. Die sind, nicht zuletzt dank der beharrlichen Lobbyarbeit der Opferschutzorganisation, beträchtlich gewachsen. Bis in die 1980er-Jahre hinein, erinnert sich Wagner, "waren die Opfer lediglich Objekte im Strafverfahren, wurden unter Umständen von Verteidigern zermürbt und in Widersprüche verwickelt". Seit 1986 gibt es ein Opferschutzgesetz, seit 1994 ein Zeugenschutzgesetz. Opfer haben Anspruch auf Schadenersatz, können als Nebenkläger Einfluss auf das Verfahren nehmen, können sich in schweren Fällen auf Staatskosten durch einen eigenen Anwalt vertreten lassen. "Polizei und Justiz sind viel sensibler geworden", hat Werner Wagner beobachtet. Sonderreferate häusliche Gewalt oder Opferbetreuer bei der Polizei haben dafür auch organisatorisch Zeichen gesetzt.
Im Schnitt ist der Freiburger Weiße Ring pro Jahr mit bis zu 150 Straftaten und etwa 300 Gesprächspartnern befasst. Werner Wagner hat in seinen 14 Jahren als Leiter rund 2000 Opfer betreut. An die 550 000 Euro konnte er für sie lockermachen. Zwei volle Arbeitstage pro Woche habe er dafür ehrenamtlich gearbeitet – was Beate Hauser noch für untertrieben hält. Besonders unter die Haut gegangen ist ihm das Schicksal einer Mutter, deren beide Kinder durch den Kindsvater im Ausland getötet worden waren. Ihren Aufenthalt bei ihm hatte er per Gerichtsbeschluss zuvor erzwungen. "Außer dem Weißen Ring hat der armen Frau niemand helfen können, weil die Tat im Ausland begangen worden war." Sie hat nicht mehr arbeiten können danach, war am ganzen Körper vor Entsetzen gelähmt. Der Weiße Ring verhalf ihr zu einer Erwerbsunfähigkeitsrente und einem Berufsschadensausgleich. Und Werner Wagner hat ihr über Jahre hinweg persönlich beigestanden.
Auch Karlheinz Kumbruck hat er geholfen. 500 Euro zahlte der Weiße Ring als Kompensation für das gestohlene Geld. "Das tat mir auch im Herzen gut", sagt der ehemalige Juwelier. "Dass mich jemand gesehen hat in meiner Not."
Autor: Anita Rüffer
