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21. Januar 2012

Jede Menge Schafe – und Deutsche

Ein Tag im "Northland": Kalte Dusche und schweißtreibende Tour.

  1. Wegweiser in die weite Welt am Cape Reinga Foto: Teresa Ehrler

  2. Ein Luftsprung vor Freude: Teresa Ehrler an einer der vielen Strandbuchten ganz im Norden Neuseelands Foto: Teresa Ehrler

  3. Treffen der Meere: Die weißen Gischtberge markieren die Stelle, wo die Strömungen des offenen Pazifik (rechts) und der Tasmansee (links) vor der Nordspitze Neuseelands aufeinander treffen. Foto: Teresa Ehrler

Ich wache auf, eingemummt in meine dicksten Kleider und meinen viel zu dünnen Schlafsack. Aber im Zelt ist eine schier unerträgliche Hitze. Wie kann es plötzlich so heiß sein?, frage ich mich, denn am vorigen Tag fiel es mir schwer, einzuschlafen, weil mir so kalt war. Kein Wunder – mein Schlafsack war ursprünglich nur für Übernachtungen in Hostels gedacht gewesen, und nicht fürs Campen. Doch als wir in einem Hostel Gabi kennenlernten und sie uns anbot, mit ihr einen mehrtägigen Campingtrip ins sogenannte Northland zu machen, sagten wir natürlich nicht nein. Schließlich wollten wir sowieso zum Cape Reinga, dem nördlichsten Punkt Neuseelands, der fernab von jeglicher Zivilisation liegt. Wir Backpacker sind praktisch ständig am Sparen, von daher waren wir sehr froh, dass Gabi uns mit dem Auto mitnehmen konnte.

Zuerst fuhren wir stundenlang durch kleine Dörfer und grüne Hügel, auf denen Unmengen von Schafen grasten – es gibt in Neuseeland zehnmal so viele Schafe wie Einwohner – und dann ging es auch noch viele Kilometer durch vollkommen unbewohntes Gebiet, in der wir keinem einzigen Auto begegnet sind. Am Abend, endlich an einem winzig kleinen Campingplatz direkt am Meer angekommen, schlugen wir unser Zelt zwischen vielleicht zehn anderen auf. Mindestens die Hälfte von den Leuten waren schon wieder Deutsche – man hat hier ständig das Gefühl, halb Deutschland wäre nach Neuseeland gereist!

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Gestern Nacht hatte ich mich nach einem wärmeren Schlafsack gesehnt, doch nun bin ich total verschwitzt. Ich bin allein in dem kleinen Zelt – Lea, meine Reisegefährtin und langjährige Schulfreundin, und Gabi, eine nette Mittvierzigerin aus Österreich mit herrlichem Akzent, müssen also schon aufgestanden sein. In Windeseile schlüpfe ich aus dem Schlafsack, öffne das Zelt und trete hinaus in den Sonnenschein. "Boah ist das heiß!", begrüße ich meine zwei Reisegefährtinnen, "ich muss sofort unter die Dusche!" "Du weißt aber schon, dass es hier nur eiskaltes Wasser gibt, oder?", fragt Gabi skeptisch. "Genau das brauche ich jetzt!", rufe ich, schnappe mir ein Handtuch und frische Klamotten und laufe den kleinen Hügel nach oben, in Richtung Duschen.

Als ich auf den Knopf drücke und die Wassertemperatur mit den Händen teste, bin ich auf einmal nicht mehr so motivier. Das Wasser fühlt sich an, als würde es mit Eis gekühlt werden! Nach einem erbitterten inneren Kampf und etlichen Flüchen bezüglich des fehlenden Stroms hier in der Pampa füge ich mich meinem Schicksal, mache einen großen Schritt unter den Wasserstrahl und kneife die Augen fest zusammen. Haare nass machen, Shampoo drauf, auswaschen und Wasser aus. Das war wohl die schnellste Dusche meines Lebens! Ich strecke die Hände in die Luft, stoße innerlich einen Siegesschrei aus und fühle mich wie eine Heldin.

Zurück beim Zelt, den Triumph immer noch auf dem Gesicht, sehe ich, dass auf Gabis Campingkocher bereits Wasser aufgesetzt ist. "Die sagen hier, man soll das Wasser abkochen, bevor man es trinkt, weil Bakterien drin sein könnten", erklärt Gabi. Ach, auch kein Trinkwasser!, denke ich. Aber was habe ich hier schon anderes erwartet? Ich schütte ein bisschen kochendes Wasser in eine Plastikschüssel (nicht meine, versteht sich – ich war, wie gesagt, nicht aufs Campen vorbereitet) und gebe etwas Milchpulver und Haferflocken dazu. In solchen Momenten lernt man den immer vollen Kühlschrank daheim doch wirklich zu schätzen! Nach dem Frühstück kochen wir uns noch Wasser für die Wanderung zum Cape Reinga ab, streichen uns Erdnussbutter-Sandwiches und los geht's. Der strahlende Sonnenschein macht es noch anstrengender, die steilen Hügel hochzusteigen, doch die Mühe wir jedes Mal aufs Neue belohnt: Von oben haben wir eine wunderbare Aussicht! Vor uns sind glitzernde, tiefblaue Wassermengen so weit das Auge reicht, und hinter uns erstreckt sich dichter, dunkelgrüner Wald. Rechts von uns ist der Sandstrand vor unserem kleinen Campingplatz und links sieht man laut Reiseführer eine Bucht mit dem schönen Namen "Sandy Bay" und einer noch viel schöneren, türkisblauen Wasserfarbe. Und natürlich ist weit und breit keine Menschenseele zu sehen.

Genau so hatte ich mir Neuseeland immer vorgestellt: Wunderschöne Landschaften, einsame Strände, … Himmlisch! So wie die Wanderung angefangen hat, geht sie auch weiter – die Hügel hoch, auf der anderen Seite runter rennen und vorbei an einer ganzen Reihe verlassener Strände.

Nach gut zwei Stunden stoßen wir wieder auf eine geteerte Straße, auf der jede Menge Touristen mit Kameras den Berg hinunterlaufen und uns, die wir uns erschöpft von der anstrengenden Wanderung erst einmal auf die nächstbeste Bank fallen lassen, irritiert anschauen. "Tja Leute, wir sind eben keine verwöhnten Touris, die sich 10 Minuten von ihrem Ziel entfernt vom Bus absetzen lassen!", will ich sagen – doch ich lasse es lieber. Stattdessen mache ich mich hungrig über mein Sandwich her. Als ich damit fertig bin und in die Richtung schaue, in die alle hier unterwegs sind, sehe ich schon den weißen Leuchtturm, den ich bereits auf so vielen Postkarten bewundern konnte.

Erfüllt von neuer Kraft, mache ich mich wieder auf den Weg. Am Rande der Straße stehen hin und wieder Infotafeln, auf denen beispielsweise die Bedeutung dieses Ortes für die Maori – die neuseeländischen Ureinwohner – erklärt wird. Für sie ist es nämlich ein heiliger Ort – von hier aus verlassen die Toten die Erde, um ins sogenannte Hawaiki zu gelangen.

Eine Kartoffel-Gemüse-Pfanne

ist schon ein richtiger Luxus!

Doch im Moment interessiert mich etwas anderes viel mehr: der berühmte Punkt im Meer, an dem der Pazifische Ozean und die Tasmansee aufeinander treffen. Die letzten Meter bis hin zur Steinmauer renne ich fast. Dahinter fallen die Klippen sehr steil ab – und da sehe ich es auch schon. Es sieht gigantisch aus. Mitten im Meer ist ohne ersichtlichen Grund ein Bereich voller weißer Gischt. Als würden dort riesige Wellen auf Felsen klatschen – nur, dass dort keine Felsen sind! Vor lauter Staunen bleibt mir der Mund offen stehen. Nach einer Weile stillen Bewunderns drehe ich mich um und sehe den gelben Wegweiser – auch ein bekanntes Postkartenmotiv. Viele Schilder, alle an derselben Metallstange angebracht, zeigen mit Städtenamen und Kilometerangaben in die unterschiedlichsten Richtungen. So lerne ich, dass Tokyo von hier genau 8831 Kilometer entfernt ist und es bis zum Südpol "nur" noch 6211 Kilometer sind. Interessant!

Auf dem Rückweg sehne ich mich schon danach, am Campingplatz eine warme Mahlzeit genießen zu können. Das viele Wandern macht hungrig! Beim Auto angekommen, packe ich als Erstes eine Dose Spaghetti mit Tomatensoße aus, doch Gabi, die hinter mir steht, schaut entsetzt. "Das willst du essen?" Ich zucke die Schultern – Hauptsache, es macht satt! Doch da hat sie auch schon einige Kartoffeln, Paprika, Tomaten, Zucchini und Käse aus ihrer Essensbox gekramt und uns eingeladen, mit ihr zu kochen. Da sagen wir natürlich auch nicht nein! Ist mal eine willkommene Abwechslung zu Instant-Nudeln und Spaghetti mit Tomatensoße oder Pesto – den Dingen, von denen wir uns bisher hauptsächlich ernährt hatten. Da ist diese Kartoffel-Gemüse-Pfanne schon ein richtiger Luxus! Nach dem Essen verbringen wir noch eine Zeit lang am Strand und schauen der Sonne zu, wie sie über den grünen Hügeln untergeht. An dem Abend krieche ich mit gefülltem Bauch in den Schlafsack und lasse den heutigen Tag noch einmal Revue passieren. Ich schlafe schnell ein, denn ich weiß: Hier in Neuseeland werde ich noch viele solcher wunderbaren Tage erleben!

Autor: teh